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themen:ethikeinfuehrung:kap_07

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themen:ethikeinfuehrung:kap_07 [2018/12/10 20:41]
jge [VII.1 Das Zwei-Ebenen-Modell Kritischen Denkens]
themen:ethikeinfuehrung:kap_07 [2018/12/10 20:41] (aktuell)
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-//"​Keiner,​ der in seinem praktischen Denken von der moralischen Sprache tatsächlich Gebrauch macht, wird sich mit dem bloßen Fallenlassen des Paradoxons zufriedengeben,​ wonach wir uns für Handlungen schuldig fühlen können, von denen wir glauben, daß wir sie tun sollten. Es würde reichen zu sagen: 'Es gibt eben Situationen,​ in denen man, was auch immer man tut, etwas tut, was man nicht tun sollte, d.h. verkehrt handelt'​. Es gibt, das ist richtig, einige Leute, die es goutieren [genießen],​ daß es von ihnen so genannte '​tragische Situationen'​ gibt; ohne sie wäre die Welt für uns andere um einige Freuden ärmer: Das Schreiben und Lesen von Romanen sowie das Anschauen von Filmen, in denen solche Situationen eine beliebte Ingredienz darstellen, würden uns viel weniger Spaß machen. Das Problem ist, daß, falls man ethischer Deskriptivist genug ist, um die Auffassung, wonach es solche Situationen tatsächlich gibt, haltbar zu machen, sie eben nicht mehr tragisch sind. Trifft es, mit anderen Worten, zu, daß beide der mir offenstehenden Handlungen die moralische Eigenschaft der Falschheit haben, wobei das eben eine ihrer vielen deskriptiven Eigenschaften ist - warum sollte mir das überhaupt etwas ausmachen? Was die Situation tragisch macht, ist dies: Ich mache vom moralischen Denken Gebrauch, damit es mir in meiner Entscheidung darüber hilft, was ich tun soll; und wenn mir dabei nicht mehr an Aufklärung widerfährt als die, mit der uns jene '​absolutistischen'​ Denker versehen, die an sehr einfache und völlig unverletzliche Prinzipien glauben, so führt mich das in eine Sackgasse. Ich gleiche dann einer Ratte in einem Labyrinth ohne Ausweg; und das ist tragisch. Aber eben diese Tragödie könnte Anlaß sein, daß von humaneren Philosophen nach einer Alternative zu der Theorie gesucht wird, die mich überhaupt erst dorthin geführt hat. In einem solchen Konflikt zwischen verschiedenen Intuitionen ist es an der Zeit, die Vernunft ins Spiel zu bringen"​ (MD 77).((Richard Mervyn HARE. Moralisches Denken: seine Ebenen, seine Methode, sein Witz. (Als Sigle benutze ich "​MD"​.) Zuerst erschienen 1981 unter dem Titel "Moral Thinking: Its Levels, Method and Point"​.))+//"​Keiner,​ der in seinem praktischen Denken von der moralischen Sprache tatsächlich Gebrauch macht, wird sich mit dem bloßen Fallenlassen des Paradoxons zufriedengeben,​ wonach wir uns für Handlungen schuldig fühlen können, von denen wir glauben, daß wir sie tun sollten. Es würde reichen zu sagen: 'Es gibt eben Situationen,​ in denen man, was auch immer man tut, etwas tut, was man nicht tun sollte, d.h. verkehrt handelt'​. Es gibt, das ist richtig, einige Leute, die es goutieren [genießen],​ daß es von ihnen so genannte '​tragische Situationen'​ gibt; ohne sie wäre die Welt für uns andere um einige Freuden ärmer: Das Schreiben und Lesen von Romanen sowie das Anschauen von Filmen, in denen solche Situationen eine beliebte Ingredienz darstellen, würden uns viel weniger Spaß machen. Das Problem ist, daß, falls man ethischer Deskriptivist genug ist, um die Auffassung, wonach es solche Situationen tatsächlich gibt, haltbar zu machen, sie eben nicht mehr tragisch sind. Trifft es, mit anderen Worten, zu, daß beide der mir offenstehenden Handlungen die moralische Eigenschaft der Falschheit haben, wobei das eben eine ihrer vielen deskriptiven Eigenschaften ist - warum sollte mir das überhaupt etwas ausmachen? Was die Situation tragisch macht, ist dies: Ich mache vom moralischen Denken Gebrauch, damit es mir in meiner Entscheidung darüber hilft, was ich tun soll; und wenn mir dabei nicht mehr an Aufklärung widerfährt als die, mit der uns jene '​absolutistischen'​ Denker versehen, die an sehr einfache und völlig unverletzliche Prinzipien glauben, so führt mich das in eine Sackgasse. Ich gleiche dann einer Ratte in einem Labyrinth ohne Ausweg; und das ist tragisch. Aber eben diese Tragödie könnte Anlaß sein, daß von humaneren Philosophen nach einer Alternative zu der Theorie gesucht wird, die mich überhaupt erst dorthin geführt hat. In einem solchen Konflikt zwischen verschiedenen Intuitionen ist es an der Zeit, die Vernunft ins Spiel zu bringen"​ (MD 77).((Richard Mervyn HARE. Moralisches Denken: seine Ebenen, seine Methode, sein Witz. (Als Sigle benutze ich "​MD"​.) Zuerst erschienen 1981 unter dem Titel "Moral Thinking: Its Levels, Method and Point"​.)) ​//
  
 //"​Nehmen wir also an, ich fange mit Prinzipien an, wonach man nie eine Handlung vollziehen sollte, die F ist (wobei F für irgendeine Handlungseigenschaft steht, z.B. für die, ein Fall der Nichterfüllung eines gegebenen Versprechens zu sein), und wonach man nie eine Handlung vollziehen sollte, die G (irgendeine andere Eigenschaft) ist; und ich finde mich nun in einer Situation wieder, in der ich es gar nicht umgehen kann, entweder eine F-Handlung oder eine G-Handlung zu tun. Und angenommen, ich entscheide mich angesichts aller Umstände dazu, daß ich die G-Handlung vollziehen sollte, um der (schlechteren) F-Handlung zu entkommen. Wir könnten es dann mit der Annahme versuchen, daß sich infolge dieses Stückchens moralischen Denkens (wie auch immer es vonstatten ging) eines meiner moralischen Prinzipien geändert hat. Es lautet jetzt nicht mehr 'Man sollte nie eine Handlung vollziehen, die G ist', sondern 'Man sollte nie eine Handlung vollziehen, die G ist - es sei denn, das ist notwendig, um eine Handlung zu vermeiden, die F ist'. [...] Sind wir erst einmal in ein paar derartige Dilemmata verwickelt gewesen oder haben wir, ohne in Wirklichkeit in sie verwickelt zu sein, erst ein paar davon näher betrachtet, so werden die Prinzipien, die wir erhalten, sehr lang werden. Recht bald werden wir solche Prinzipien erhalten wie 'Man sollte nie eine Handlung tun, die G ist, es sei denn, sie ist notwendig, um eine Handlung zu vermeiden, die F ist, und sie (die G-Handlung) hat die Eigenschaft H; ist H nicht der Fall, so darf man es nicht'"​ (MD 78f).// //"​Nehmen wir also an, ich fange mit Prinzipien an, wonach man nie eine Handlung vollziehen sollte, die F ist (wobei F für irgendeine Handlungseigenschaft steht, z.B. für die, ein Fall der Nichterfüllung eines gegebenen Versprechens zu sein), und wonach man nie eine Handlung vollziehen sollte, die G (irgendeine andere Eigenschaft) ist; und ich finde mich nun in einer Situation wieder, in der ich es gar nicht umgehen kann, entweder eine F-Handlung oder eine G-Handlung zu tun. Und angenommen, ich entscheide mich angesichts aller Umstände dazu, daß ich die G-Handlung vollziehen sollte, um der (schlechteren) F-Handlung zu entkommen. Wir könnten es dann mit der Annahme versuchen, daß sich infolge dieses Stückchens moralischen Denkens (wie auch immer es vonstatten ging) eines meiner moralischen Prinzipien geändert hat. Es lautet jetzt nicht mehr 'Man sollte nie eine Handlung vollziehen, die G ist', sondern 'Man sollte nie eine Handlung vollziehen, die G ist - es sei denn, das ist notwendig, um eine Handlung zu vermeiden, die F ist'. [...] Sind wir erst einmal in ein paar derartige Dilemmata verwickelt gewesen oder haben wir, ohne in Wirklichkeit in sie verwickelt zu sein, erst ein paar davon näher betrachtet, so werden die Prinzipien, die wir erhalten, sehr lang werden. Recht bald werden wir solche Prinzipien erhalten wie 'Man sollte nie eine Handlung tun, die G ist, es sei denn, sie ist notwendig, um eine Handlung zu vermeiden, die F ist, und sie (die G-Handlung) hat die Eigenschaft H; ist H nicht der Fall, so darf man es nicht'"​ (MD 78f).//
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