Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


selberleben:volltext_wasistschoen

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen angezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

Beide Seiten der vorigen Revision Vorhergehende Überarbeitung
Nächste Überarbeitung
Vorhergehende Überarbeitung
selberleben:volltext_wasistschoen [2018/11/30 18:17]
jge [5. Abschließende Bemerkungen]
selberleben:volltext_wasistschoen [2018/11/30 18:23] (aktuell)
jge [4. Schönheit und Verstehen]
Zeile 27: Zeile 27:
 ===== 3. Bedingungen von »Schönheit« ===== ===== 3. Bedingungen von »Schönheit« =====
  
 +Meine Anmerkungen zum Begriff »Schönheit« gehen von meinem Gebrauch seiner aus. Indem ich dieses Verfahren für berechtigt halte, behaupte ich bereits zwei wesentliche Thesen:
 +\\
 +\\
 +**1. These. »Schönheit« läßt sich für den Einzelnen nur mit Rekurs auf seine Erfahrung verstehen. Der Gebrauch des Begriffs ist daher individuell zu rechtfertigen.**
 +\\
 +\\
 +**2. These. Die Repräsentation von »Schönheit« im persönlichen ›Lexikon‹ muß Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten haben mit der von »Schönheit« in den persönlichen ›Lexika‹ anderer Sprecher.**
 +\\
 +\\
  
-[14] Meine Anmerkungen zum Begriff "​Schönheit" ​gehen von meinem Gebrauch seiner ausIndem ich dieses Verfahren für berechtigt halte, behaupte ich bereits zwei wesentliche Thesen:+Diese Gemeinsamkeit — die sich niederschlägt im verständlichen situativ angemessenen Gebrauch des Wortes — mag über die ähnlicher Komplexität der semantischen Netze hinausgehen und z. B. in der Besetzung mancher Stellen in diesen Netzen durch dieselben oder ähnliche Kontextoperatoren bestehen. Solche Ähnlichkeit wird sich kulturell erklären lassen. (Vielleicht ist das Konzept "​Schönheit",​ nach dem hier gefragt ist, nur in der abendländischen Kultur vorhanden?) In diesem Sinne ist der Begriff "​Schönheit" ​überindividuell bzw. intersubjektiv.
  
-    1. These. "​Schönheit"​ läßt sich für den Einzelnen nur mit Rekurs auf seine Erfahrung verstehen. Der Gebrauch des Begriffs ist daher individuell zu rechtfertigen. +Die Worte "​schön"​ und "​Schönheit"​ sind als sprachliche Zeichen anderen Zeichen darin ähnlich, daß sie metaphorisch,​ ironisch oder uneigentlich gebraucht werden können. Der uneigentliche Gebrauch setzt bereits ein Verständnis des eigentlichen voraus: Was bedeutet "​schön"​ z. B. in dem Ausdruck "​schön doof"? - Erhellend sind solche Beispiele für den '​ernsthaften'​ Gebrauch von "​schön"​ jedoch nicht; im Abgeleiteten muß das, von dem abgeleitet wurde, nicht mehr erahnbar sein. 
-    2. These. Die Repräsentation von "​Schönheit"​ im persönlichen '​Lexikon'​ muß Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten haben mit der von "​Schönheit"​ in den persönlichen '​Lexika'​ anderer Sprecher.  +\\ 
- +\\ 
-[15] Diese Gemeinsamkeit - die sich niederschlägt im verständlichen situativ angemessenen Gebrauch des Wortes - mag über die ähnlicher Komplexität der semantischen Netze hinausgehen und z. B. in der Besetzung mancher Stellen in diesen Netzen durch dieselben oder ähnliche Kontextoperatoren bestehen. Solche Ähnlichkeit wird sich kulturell erklären lassen. (Vielleicht ist das Konzept "​Schönheit",​ nach dem hier gefragt ist, nur in der abendländischen Kultur vorhanden?) In diesem Sinne ist der Begriff "​Schönheit"​ überindividuell bzw. intersubjektiv. +**3. These. '​Ernsthaft'​ ist der Gebrauch von "​schön"​ nur bei der Beschreibung oder Bewertung von potentiell sinnlich Erfahrbarem (d.h. vom "​Ästhetischen"​ im ursprünglichen Sinne).** 
- +\\ 
-[16] Die Worte "​schön"​ und "​Schönheit"​ sind als sprachliche Zeichen anderen Zeichen darin ähnlich, daß sie metaphorisch,​ ironisch oder uneigentlich gebraucht werden können. Der uneigentliche Gebrauch setzt bereits ein Verständnis des eigentlichen voraus: Was bedeutet "​schön"​ z. B. in dem Ausdruck "​schön doof"? - Erhellend sind solche Beispiele für den '​ernsthaften'​ Gebrauch von "​schön"​ jedoch nicht; im Abgeleiteten muß das, von dem abgeleitet wurde, nicht mehr erahnbar sein. +\\  
- +Was das heißt, sei an einem Beispiel verdeutlicht. Wir können ja z. B. von "​schönen"​ Gefühlen oder Empfindungen oder "​schönen"​ Erinnerungen sprechen. Mit "das ist ein schönes Gefühl"​ kann eines gemeint sein, das körperliches Wohlbefinden hervorruft. Dann würde ich es vielleicht genauer "​angenehm"​ nennen. Oder es ruft eine körperliche Spannung hervor. Dann würde ich es vielleicht als "​lustvoll"​ beschreiben. Das Gegenteil "​schöner"​ Empfindungen,​ z. B. Hunger oder Wut, würde ich eher "​unangenehm"​ als "​häßlich"​ nennen. Der Begriff "​schön"​ hat eine unspezifisch wertende Komponente, ähnlich wie "​gut",​ so daß er sich, emotivistisch interpretiert,​ als allgemeiner Ausdruck von Wertschätzung und Zustimmung verwenden läßt. Unspezifisch wertend ist "​schön"​ aber uneigentlich gebraucht: Eine "​schöne"​ Erinnerung ist entweder eine Erinnerung an etwas Schönes -- dann wäre dieses eigentlich "​schön"​ beschrieben -- und als solche angenehm (oder vielleicht schmerzhaft,​ wenn sie mit der Gegenwart kontrastiert). Oder "​schön"​ meint tatsächlich die Erinnerung als solche. Es setzt dann ein Urteil auf der Grundlage der Wahrnehmung der Erinnerung voraus. In diesem Sinne läßt sich sagen, daß die Erinnerung an die letzte Niederlage des BVB schön ist: weil die Tatsache, daß es sich um eine Erinnerung handelt, impliziert, daß es keine gegenwärtige Niederlage gibt. Ein solcher Gebrauch ist uneigentlich,​ um mindestens eine Ecke gedacht, und unspezifisch wertend.
-    3. These. '​Ernsthaft'​ ist der Gebrauch von "​schön"​ nur bei der Beschreibung oder Bewertung von potentiell sinnlich Erfahrbarem (d.h. vom "​Ästhetischen"​ im ursprünglichen Sinne).  +
- +
-[17] Was das heißt, sei an einem Beispiel verdeutlicht. Wir können ja z. B. von "​schönen"​ Gefühlen oder Empfindungen oder "​schönen"​ Erinnerungen sprechen. Mit "das ist ein schönes Gefühl"​ kann eines gemeint sein, das körperliches Wohlbefinden hervorruft. Dann würde ich es vielleicht genauer "​angenehm"​ nennen. Oder es ruft eine körperliche Spannung hervor. Dann würde ich es vielleicht als "​lustvoll"​ beschreiben. Das Gegenteil "​schöner"​ Empfindungen,​ z. B. Hunger oder Wut, würde ich eher "​unangenehm"​ als "​häßlich"​ nennen. Der Begriff "​schön"​ hat eine unspezifisch wertende Komponente, ähnlich wie "​gut",​ so daß er sich, emotivistisch interpretiert,​ als allgemeiner Ausdruck von Wertschätzung und Zustimmung verwenden läßt. Unspezifisch wertend ist "​schön"​ aber uneigentlich gebraucht: Eine "​schöne"​ Erinnerung ist entweder eine Erinnerung an etwas Schönes -- dann wäre dieses eigentlich "​schön"​ beschrieben -- und als solche angenehm (oder vielleicht schmerzhaft,​ wenn sie mit der Gegenwart kontrastiert). Oder "​schön"​ meint tatsächlich die Erinnerung als solche. Es setzt dann ein Urteil auf der Grundlage der Wahrnehmung der Erinnerung voraus. In diesem Sinne läßt sich sagen, daß die Erinnerung an die letzte Niederlage des BVB schön ist: weil die Tatsache, daß es sich um eine Erinnerung handelt, impliziert, daß es keine gegenwärtige Niederlage gibt. Ein solcher Gebrauch ist uneigentlich,​ um mindestens eine Ecke gedacht, und unspezifisch wertend.+
  
 [18] Es ist offensichtlich,​ daß "​schön"​ ein vergleichender Begriff ist, daß er also Teil eines Maßstabs ist, der die Formen der Komparation (schöner, am schönsten) ebenso enthält wie "​häßlich"​ oder "nicht schön"​. [18] Es ist offensichtlich,​ daß "​schön"​ ein vergleichender Begriff ist, daß er also Teil eines Maßstabs ist, der die Formen der Komparation (schöner, am schönsten) ebenso enthält wie "​häßlich"​ oder "nicht schön"​.
 +\\
 +\\
 +**4. These. "​Schön"​ läßt sich nur das ernsthaft nennen, was auch "nicht schön"​ / "​häßlich"​ genannt werden könnte.** ​
 +\\
 +\\
 +Die These ist insofern mißverständlich,​ als sie zu behaupten scheint, statt "Die Kunst der Fuge ist schön"​ könnte ich genausogut sagen "Die Kunst der Fuge ist nicht schön"​ -- so als hätte ich keine guten Gründe für den ersten Satz. Es geht mir jedoch um die Angemessenheit eines Maßstabs überhaupt. Der Maßstab ist in den meisten Urteilen implizit enthalten; die nämlich sprechen nicht von Schönheit im allgemeinen,​ sondern von relativer Schönheit: x ist ein schönes y. Das zeigt sich beim Versuch eines Vergleichs: Ist die "Kunst der Fuge" schöner als die "​Sonette an Orpheus"?​ Das ist eine absurde Frage, die "​Äpfel mit Birnen vergleicht"​. Beide sind schön: diese sind schöne Lyrik, jene ist schöne Musik.
  
-    4. These. "​Schön"​ läßt sich nur das ernsthaft nennen, was auch "nicht schön"​ / "​häßlich"​ genannt werden könnte.  +Wie kommt es, daß jemand, der in Bezug auf abendländische Musik der Neuzeit ein sicheres Urteil über deren Schönheit hat, dies in Bezug auf Theater oder Literatur desselben Zeitraums und Orts nicht zu haben braucht und umgekehrt? Und wenn sich die Begriffe von Schönheit nach der Vergleichbarkeit richten, wie kommt es dann, daß manche ohne zu zögern z. B. Goethe mit Franz Xaver Kroetz vergleichen,​ während andere meinen, ersterer wäre ein Apfel, während Kroetz mehr von einer Birne hat? :-)
- +
-[19] Die These ist insofern mißverständlich,​ als sie zu behaupten scheint, statt "Die Kunst der Fuge ist schön"​ könnte ich genausogut sagen "Die Kunst der Fuge ist nicht schön"​ -- so als hätte ich keine guten Gründe für den ersten Satz. Es geht mir jedoch um die Angemessenheit eines Maßstabs überhaupt. Der Maßstab ist in den meisten Urteilen implizit enthalten; die nämlich sprechen nicht von Schönheit im allgemeinen,​ sondern von relativer Schönheit: x ist ein schönes y. Das zeigt sich beim Versuch eines Vergleichs: Ist die "Kunst der Fuge" schöner als die "​Sonette an Orpheus"?​ Das ist eine absurde Frage, die "​Äpfel mit Birnen vergleicht"​. Beide sind schön: diese sind schöne Lyrik, jene ist schöne Musik. +
- +
-[20] Wie kommt es, daß jemand, der in Bezug auf abendländische Musik der Neuzeit ein sicheres Urteil über deren Schönheit hat, dies in Bezug auf Theater oder Literatur desselben Zeitraums und Orts nicht zu haben braucht und umgekehrt? Und wenn sich die Begriffe von Schönheit nach der Vergleichbarkeit richten, wie kommt es dann, daß manche ohne zu zögern z. B. Goethe mit Franz Xaver Kroetz vergleichen,​ während andere meinen, ersterer wäre ein Apfel, während Kroetz mehr von einer Birne hat? :-)+
  
-[21] Bin ich also gezwungen, verschiedene Begriffe von Schönheit anzunehmen? Als homonymes ein- und zweistelliges Prädikat, je nach Verwendung? -- Jedenfalls ist das zweistellige Prädikat spezifischer wertend. Es ist damit zugleich stärker an den situativen Kontext gebunden: Es gibt explizit Bedingungen für eine Wertung an, indem es Merkmale des Beurteilten als relevant auszeichnet und andere ausschließt. Damit aber das einstellige Prädikat "​Schönheit"​ nicht unspezifisch wertend wird, muß auch dieses Relevanzbedingungen für eine Wertung enthalten. (Und es ist denkbar, daß eine Teilmenge dieser Relevanzbedingungen für jede Verwendung von "​schön"​ zutrifft.)+Bin ich also gezwungen, verschiedene Begriffe von Schönheit anzunehmen? Als homonymes ein- und zweistelliges Prädikat, je nach Verwendung? -- Jedenfalls ist das zweistellige Prädikat spezifischer wertend. Es ist damit zugleich stärker an den situativen Kontext gebunden: Es gibt explizit Bedingungen für eine Wertung an, indem es Merkmale des Beurteilten als relevant auszeichnet und andere ausschließt. Damit aber das einstellige Prädikat "​Schönheit"​ nicht unspezifisch wertend wird, muß auch dieses Relevanzbedingungen für eine Wertung enthalten. (Und es ist denkbar, daß eine Teilmenge dieser Relevanzbedingungen für jede Verwendung von "​schön"​ zutrifft.) 
 +\\ 
 +\\ 
 +**5. These. Was schön ist, ist nicht langweilig.**  
 +\\ 
 +\\ 
 +"​Langeweile"​ ist ein zeitlich bestimmtes Phänomen. Es läßt sich nicht ohne Erfahrung sagen, daß etwas langweilig ist; wohl aber läßt sich auf den ersten Blick die Prognose wagen, daß etwas langweilen wird. Schönheit läßt sich auf den ersten Blick, den ersten Eindruck hin zuschreiben. Das funktioniert so wie Liebe auf den ersten Blick. Man mag daran zweifeln, wie gerechtfertigt eine Liebe auf den ersten Blick ist, die - per definitionem - den Gegenstand ihrer Liebe nicht kennt: Warum lieben Sie? Wie ist denn der oder die Geliebte? Ist es nicht vielleicht so, daß Sie nur das Lieben lieben? Wenn dem so ist, kann es sein, daß ein Kennenlernen die Liebe verstärkt -- indem sie ihr einen Grund gibt -- oder sie zerstört -- indem sie ihr das Grundlose zeigt.
  
-    5These. Was schön ​ist, ist nicht langweilig+"​Schönheit"​ erleben wir ähnlichEtwas mag anziehen auf den ersten Blick: "Das finde ich schön!". Erst ein Kennenlernen erlaubt esein Urteil über den Gegenstand zu bilden: "​Das ​ist schön!"​ oder: "Das finde ich nicht mehr schön!"​.
  
-[22] "​Langeweile" ist ein zeitlich bestimmtes Phänomen. Es läßt sich nicht ohne Erfahrung sagen, daß etwas langweilig ist; wohl aber läßt sich auf den ersten Blick die Prognose wagendaß etwas langweilen wird. Schönheit ​läßt sich auf den ersten Blick, den ersten Eindruck hin zuschreibenDas funktioniert so wie Liebe auf den ersten BlickMan mag daran zweifelnwie gerechtfertigt eine Liebe auf den ersten Blick istdie per definitionem ​den Gegenstand ​ihrer Liebe nicht kennt: Warum lieben Sie? Wie ist denn der oder die Geliebte? Ist es nicht vielleicht so, daß Sie nur das Lieben lieben? Wenn dem so ist, kann es sein, daß ein Kennenlernen die Liebe verstärkt ​-- indem sie ihr einen Grund gibt -- oder sie zerstört -- indem sie ihr das Grundlose zeigt.+Könnten wir sagen: ​"Das ist nicht mehr schön?"​ Wenn ein Urteil über Schönheit ​die Anwendung eines Maßstabs impliziertdann können wir es nicht widerspruchsfrei sagenDenn damit würden wir Zeit zu einem relevanten Merkmal von Schönheit ​machen: "x ist am 28.7.1975 genauso ​wie am 13.12.1996mit dem einzigen Unterschieddaß es vorher schön war, dann aber nicht." ​-- Wenn wir also unsere Meinung über die Schönheit von etwas ändern, während der Gegenstand ​gleich bleibt (wichtig ​ist nicht nur, daß es derselbe Gegenstand ist -- Gleichheit ist keine Folge von Identität ​-- sondern daß er außerdem sich gleich bleibt), dann ändern wir unseren MaßstabVorausgesetzt,​ wir sind uns dessen bewußt, müssen wir sagen: "x ist am 28.7.1975 schon genauso häßlich gewesen wie am 13.12.1996, ich hatte es nur noch nicht gemerkt!"​
  
-[23] "Schönheit" erleben ​wir ähnlichEtwas mag anziehen auf den ersten Blick: "Das finde ich schön!"Erst ein Kennenlernen erlaubt esein Urteil ​über den Gegenstand zu bilden: ​"Das ist schön!" ​oder"Das finde ich nicht mehr schön!"​.+Schönheit ​verbraucht sich also nicht, mit anderen Worten: Sie ist '​zeitlos'​. (Geschmacksurteile hingegen sind '​zeitgebunden'​.) Wohl aber ändern ​wir unsere MaßstäbeWarum tun wir das? Einer der Gründe dafür liegt im Schönen selbst. Es scheint dazu herauszufordern,​ das Rätsel seiner Schönheit (welches auch darin besteht, daß uns unsere Wertungsmaßstäbe nicht klar sind), zu ergründen, also herauszufinden,​ was an ihm schön ​istMir scheintdaß das Urteil "​schön" ​dieses Erleben mitmeintSchönheit ist faszinierend. Sie läd so zur '​Analyse'​ ein, zum Herausfinden,​ wie das Schöne '​gemacht'​ ist. Die Faszination kann durch die Analyse verstärkt werden - aber sie braucht sie nicht. Die Analyse jedoch ändert den Maßstab, da sie die Perspektive auf den Gegenstand ändert. Sie erweitert die Blickmöglichkeit auf ihren Gegenstand. Darin läßt sich die gern vertretene These aufheben, die Analyse erst ermögliche den wahren Genuß von Schönheit.
  
-[24] Könnten wir sagen: "Das ist nicht mehr schön?"​ Wenn ein Urteil über Schönheit die Anwendung eines Maßstabs impliziert, dann können wir es nicht widerspruchsfrei sagenDenn damit würden wir Zeit zu einem relevanten Merkmal von Schönheit ​machen: "x ist am 28.7.1975 genauso wie am 13.12.1996, mit dem einzigen Unterschied,​ daß es vorher schön war, dann aber nicht."​ -- Wenn wir also unsere Meinung über die Schönheit von etwas ändern, während der Gegenstand gleich bleibt (wichtig ist nicht nur, daß es derselbe Gegenstand ist -- Gleichheit ist keine Folge von Identität -- sondern daß er außerdem sich gleich bleibt), dann ändern wir unseren Maßstab. Vorausgesetzt,​ wir sind uns dessen bewußt, müssen wir sagen: "x ist am 28.7.1975 schon genauso häßlich gewesen wie am 13.12.1996, ich hatte es nur noch nicht gemerkt!"​+===== 4. Schönheit ​und Verstehen =====
  
-[25] Schönheit verbraucht sich also nicht, mit anderen Worten: Sie ist '​zeitlos'​. (Geschmacksurteile hingegen sind '​zeitgebunden'​.) Wohl aber ändern wir unsere Maßstäbe. Warum tun wir das? Einer der Gründe dafür liegt im Schönen selbst. Es scheint dazu herauszufordern,​ das Rätsel seiner Schönheit (welches auch darin besteht, daß uns unsere Wertungsmaßstäbe nicht klar sind), zu ergründen, also herauszufinden,​ was an ihm schön ist. Mir scheint, daß das Urteil "​schön"​ dieses Erleben mitmeint: Schönheit ist faszinierend. Sie läd so zur '​Analyse'​ ein, zum Herausfinden,​ wie das Schöne '​gemacht'​ ist. Die Faszination kann durch die Analyse verstärkt werden - aber sie braucht sie nicht. Die Analyse jedoch ändert den Maßstab, da sie die Perspektive auf den Gegenstand ändert. Sie erweitert die Blickmöglichkeit auf ihren Gegenstand. Darin läßt sich die gern vertretene These aufheben, die Analyse erst ermögliche den wahren Genuß von Schönheit. 
-4. Schönheit und Verstehen 
  
-[27] Indem ich oben unterscheide zwischen Urteilen der Form "x ist schön"​ und solchen wie "x ist ein schönes y", deute ich bereits an, daß ich die meisten Urteile über Schönheit für relativ halte. Das undifferenzierte "x ist schön"​ scheint die Schönheit von x zu nichts in Beziehung zu setzen, außer zum Wahrnehmenden bzw. Urteilenden. Gefragt nach einer Begründung oder Rechtfertigung -- "Wieso ist x schön?"​ "Was ist daran schön?"​ -- könnte geantwortet werden mit "Ich finde x schön"​. Darüber läßt sich nicht streiten; zu sagen "Nein, du findest es nicht schön!"​ ist unsinnig. Es läßt sich aber sehr wohl feststellen:​ "Du findest x schön, obwohl es gar nicht schön ist." Damit ist weniger behauptet, daß es einen objektiven Wert "​schön"​ gibt, der dem '​Gegenstand'​ anhaftet oder nicht, als vielmehr, daß es nach Meinung des Sprechers Gründe für oder gegen das Urteil "x ist schön"​ gibt. Diese Gründe liegen -- das ist das Wesentliche -- nach Auffassung des Sprechers im '​Gegenstand'​. Anders ausgedrückt:​ Ebenso wie "​schön"​ undifferenziert wertend gebraucht werden kann, kann es deskriptiv (beschreibend) gebraucht werden. Wer sagt "Ich finde x nicht bloß schön, sondern es ist schön!",​ der behauptet eine Qualität von x, die ebenso wahrnehmbar ist wie seine anderen Qualitäten.+Indem ich oben unterscheide zwischen Urteilen der Form "x ist schön"​ und solchen wie "x ist ein schönes y", deute ich bereits an, daß ich die meisten Urteile über Schönheit für relativ halte. Das undifferenzierte "x ist schön"​ scheint die Schönheit von x zu nichts in Beziehung zu setzen, außer zum Wahrnehmenden bzw. Urteilenden. Gefragt nach einer Begründung oder Rechtfertigung -- "Wieso ist x schön?"​ "Was ist daran schön?"​ -- könnte geantwortet werden mit "Ich finde x schön"​. Darüber läßt sich nicht streiten; zu sagen "Nein, du findest es nicht schön!"​ ist unsinnig. Es läßt sich aber sehr wohl feststellen:​ "Du findest x schön, obwohl es gar nicht schön ist." Damit ist weniger behauptet, daß es einen objektiven Wert "​schön"​ gibt, der dem '​Gegenstand'​ anhaftet oder nicht, als vielmehr, daß es nach Meinung des Sprechers Gründe für oder gegen das Urteil "x ist schön"​ gibt. Diese Gründe liegen -- das ist das Wesentliche -- nach Auffassung des Sprechers im '​Gegenstand'​. Anders ausgedrückt:​ Ebenso wie "​schön"​ undifferenziert wertend gebraucht werden kann, kann es deskriptiv (beschreibend) gebraucht werden. Wer sagt "Ich finde x nicht bloß schön, sondern es ist schön!",​ der behauptet eine Qualität von x, die ebenso wahrnehmbar ist wie seine anderen Qualitäten.
  
-[28] Dabei gibt es zwei Möglichkeiten,​ das Urteil zu rechtfertigen. Vorstellbar ist, daß in einem bestimmten Bereich der Kunst, der streng reglementiert ist, die vollendete Erfüllung der Regeln in einem Kunstwerk "​schön"​ genannt wird. Ein historisches Beispiel dafür ist der Meistersang als reglementierte Dichtkunst. In solchem Fall ist "​schön"​ rein deskriptiv gebraucht, und es ist dann möglich, widerspruchsfrei zu sagen: "Ich weiß, daß x schön ist (da es die Regeln erfüllt), aber es gefällt mir nicht."​ Im alltäglichen,​ '​ernsthaften'​ Gebrauch von "​schön"​ hingegen scheint "das ist schön",​ da es nicht rein deskriptiv gebraucht ist, die Mitteilung "es gefällt mir" zu enthalten.+Dabei gibt es zwei Möglichkeiten,​ das Urteil zu rechtfertigen. Vorstellbar ist, daß in einem bestimmten Bereich der Kunst, der streng reglementiert ist, die vollendete Erfüllung der Regeln in einem Kunstwerk "​schön"​ genannt wird. Ein historisches Beispiel dafür ist der Meistersang als reglementierte Dichtkunst. In solchem Fall ist "​schön"​ rein deskriptiv gebraucht, und es ist dann möglich, widerspruchsfrei zu sagen: "Ich weiß, daß x schön ist (da es die Regeln erfüllt), aber es gefällt mir nicht."​ Im alltäglichen,​ '​ernsthaften'​ Gebrauch von "​schön"​ hingegen scheint "das ist schön",​ da es nicht rein deskriptiv gebraucht ist, die Mitteilung "es gefällt mir" zu enthalten.
  
-[29] Der rein deskriptive Gebrauch ist aus offensichtlichen Gründen wenig interessant:​ +Der rein deskriptive Gebrauch ist aus offensichtlichen Gründen wenig interessant:​\\ 
-1. Er ist nicht verallgemeinerbar,​ d.h. er funktioniert nur in dem eng umgrenzten reglementierten Gebiet. +  ​- ​Er ist nicht verallgemeinerbar,​ d.h. er funktioniert nur in dem eng umgrenzten reglementierten Gebiet. 
-2. Er läßt die Frage "Was ist schön?"​ gar nicht erst aufkommen, da die Antwort einfach darin besteht, die deskriptive Bedeutung von "​schön"​ auszufalten,​ und nichts weiter. +  ​- ​Er läßt die Frage "Was ist schön?"​ gar nicht erst aufkommen, da die Antwort einfach darin besteht, die deskriptive Bedeutung von "​schön"​ auszufalten,​ und nichts weiter. 
-3. Er entspricht nicht der Intuition, daß "​schön"​ auch und gerade auf gänzlich neue '​Gegenstände'​ angewendet werden kann, bzw. daß es ein wesentliches Merkmal von Kunst (diesem ausgezeichneten '​Gegenstand'​ ästhetischer Urteile) ist, daß sie erst die Regel formuliert, der sie folgt.+  ​- ​Er entspricht nicht der Intuition, daß "​schön"​ auch und gerade auf gänzlich neue '​Gegenstände'​ angewendet werden kann, bzw. daß es ein wesentliches Merkmal von Kunst (diesem ausgezeichneten '​Gegenstand'​ ästhetischer Urteile) ist, daß sie erst die Regel formuliert, der sie folgt.
  
-[30] Was ist also die andere Möglichkeit,​ ein Urteil zu rechtfertigen,​ das "x ist schön"​ behauptet, ohne sich auf die bloß persönliche Empfindung oder auf eine bekannte Regelmenge zu berufen?+Was ist also die andere Möglichkeit,​ ein Urteil zu rechtfertigen,​ das "x ist schön"​ behauptet, ohne sich auf die bloß persönliche Empfindung oder auf eine bekannte Regelmenge zu berufen?
  
-[31] Man könnte das Beurteilte in Relation setzen zu einem kategoriellen Rahmen, für den Beurteilungsstrategien feststehen. Also wäre nicht zu urteilen "x ist schön",​ sondern: "Die 'Kunst der Fuge' ist eine Sammlung sehr schöner Fugen"​. Damit wird Kennerschaft zur Rechtfertigung des Urteils herangezogen. Ich weiß, was eine Fuge ausmacht; ich bewundere die Originalität jeder einzelnen Fuge der Sammlung in Bezug auf das Konzept "​Fuge",​ über das ich verfüge. Ebenso schätze ich die "​Sonette an Orpheus"​ als hervorragende Sonette. - Aber das scheint zu wenig; solche Urteile sind ja nicht bloß deutlich relativierend,​ sondern darin verengend. Zu sagen "Die '​Sonette an Orpheus'​ sind schöne Sonette"​ ist etwa so wie "Klimt malt schönen Jugendstil",​ und von da ist es nicht weit zu der Feststellung,​ daß "Der Proceß"​ ein besonders schöner Kafka-Roman ist. Kant meinte (in der Kritik der Urteilskraft),​ "daß man durch das Geschmacksurteil (über das Schöne) das Wohlgefallen an einem Gegenstande jedermann ansinne"​ (§8). Das ist richtig beobachtet und führt zu der Vermutung, das Urteil "x ist schön"​ sei noch in einem anderen Sinne zu rechtfertigen. Kant beschrieb auch, in welchem Sinne: Das Ästhetische nämlich beinhalte seine eigene Regel, nach der es beschaffen sei (§45 ff.). "x ist schön"​ behauptet dann, x sei in Relation zu sich selbst schön, oder genauer, in Relation zu der ihm eingeschriebenen Idee. Was ist damit gemeint?+Man könnte das Beurteilte in Relation setzen zu einem kategoriellen Rahmen, für den Beurteilungsstrategien feststehen. Also wäre nicht zu urteilen "x ist schön",​ sondern: "Die 'Kunst der Fuge' ist eine Sammlung sehr schöner Fugen"​. Damit wird Kennerschaft zur Rechtfertigung des Urteils herangezogen. Ich weiß, was eine Fuge ausmacht; ich bewundere die Originalität jeder einzelnen Fuge der Sammlung in Bezug auf das Konzept "​Fuge",​ über das ich verfüge. Ebenso schätze ich die "​Sonette an Orpheus"​ als hervorragende Sonette. - Aber das scheint zu wenig; solche Urteile sind ja nicht bloß deutlich relativierend,​ sondern darin verengend. Zu sagen "Die '​Sonette an Orpheus'​ sind schöne Sonette"​ ist etwa so wie "Klimt malt schönen Jugendstil",​ und von da ist es nicht weit zu der Feststellung,​ daß "Der Proceß"​ ein besonders schöner Kafka-Roman ist. Kant meinte (in der Kritik der Urteilskraft),​ "daß man durch das Geschmacksurteil (über das Schöne) das Wohlgefallen an einem Gegenstande jedermann ansinne"​ (§8). Das ist richtig beobachtet und führt zu der Vermutung, das Urteil "x ist schön"​ sei noch in einem anderen Sinne zu rechtfertigen. Kant beschrieb auch, in welchem Sinne: Das Ästhetische nämlich beinhalte seine eigene Regel, nach der es beschaffen sei (§45 ff.). "x ist schön"​ behauptet dann, x sei in Relation zu sich selbst schön, oder genauer, in Relation zu der ihm eingeschriebenen Idee. Was ist damit gemeint?
  
-[32] Es ist sicher voreilig, "​Schönheit"​ nun durch ein anderes, scheinbar bestimmteres Abstraktum erklären zu wollen, das dem Werk eingeschrieben und dessen Regel erahnbar sei, etwa "​Vollkommenheit"​. Das verschiebt nur die Beweislast, und zudem läßt sich "​Vollkommenheit"​ -- wie jeder abstrakt beschreibende Begriff -- dialektisch deuten, etwa so, daß für manche Werke ihre Unvollkommenheit unabdingbar sei und daher ihre Vollkommenheit ausmache (wie man das gern von "​Fragmenten"​ behauptet). Klar ist aber, daß eine Deutung von "​Schönheit",​ die sich auf eine dem beurteilten Gegenstand merklich '​inhärente'​ Regel beruft, nur durch das Aufzeigen einer solchen Regel zu rechtfertigen ist. Diese Regel zu entdecken verlangt ein Studium des Gegenstandes und den Verdacht, die Voraussetzung eines ihm '​inhärenten'​ Plans. Wir können diesen Plan oder diese Regel "​Gedanken"​ nennen, wie Arnold Schönberg das in seinen lesenswerten Essays (etwa: Neue Musik, veraltete Musik, Stil und Gedanke)und für die Musik tut, und behaupten, dieser Gedanke könne '​semantische'​ und '​syntaktische'​ Eigenschaften haben, oder anders ausgedrückt:​ einen '​Sinn'​ und eine '​Struktur'​. Sinn und Struktur lassen sich nicht voneinander getrennt betrachten; sie sind verschiedene Beschreibungen des einen '​Gegenstandes',​ des einen "​Gedankens"​. Als Beschreibungen sind sie abhängig von der Fähigkeit des Beschreibenden sowohl zu beschreiben,​ als auch das für eine Beschreibung relevante wahrzunehmen. Sinnhaftes zu erkennen und zu verstehen, sind dann die Voraussetzungen für ein begründbares Urteil über Schönheit; mit '​Struktur'​ verhält es sich ähnlich.+Es ist sicher voreilig, "​Schönheit"​ nun durch ein anderes, scheinbar bestimmteres Abstraktum erklären zu wollen, das dem Werk eingeschrieben und dessen Regel erahnbar sei, etwa "​Vollkommenheit"​. Das verschiebt nur die Beweislast, und zudem läßt sich "​Vollkommenheit"​ -- wie jeder abstrakt beschreibende Begriff -- dialektisch deuten, etwa so, daß für manche Werke ihre Unvollkommenheit unabdingbar sei und daher ihre Vollkommenheit ausmache (wie man das gern von "​Fragmenten"​ behauptet). Klar ist aber, daß eine Deutung von "​Schönheit",​ die sich auf eine dem beurteilten Gegenstand merklich '​inhärente'​ Regel beruft, nur durch das Aufzeigen einer solchen Regel zu rechtfertigen ist. Diese Regel zu entdecken verlangt ein Studium des Gegenstandes und den Verdacht, die Voraussetzung eines ihm '​inhärenten'​ Plans. Wir können diesen Plan oder diese Regel "​Gedanken"​ nennen, wie Arnold Schönberg das in seinen lesenswerten Essays (etwa: Neue Musik, veraltete Musik, Stil und Gedanke)und für die Musik tut, und behaupten, dieser Gedanke könne '​semantische'​ und '​syntaktische'​ Eigenschaften haben, oder anders ausgedrückt:​ einen '​Sinn'​ und eine '​Struktur'​. Sinn und Struktur lassen sich nicht voneinander getrennt betrachten; sie sind verschiedene Beschreibungen des einen '​Gegenstandes',​ des einen "​Gedankens"​. Als Beschreibungen sind sie abhängig von der Fähigkeit des Beschreibenden sowohl zu beschreiben,​ als auch das für eine Beschreibung relevante wahrzunehmen. Sinnhaftes zu erkennen und zu verstehen, sind dann die Voraussetzungen für ein begründbares Urteil über Schönheit; mit '​Struktur'​ verhält es sich ähnlich.
  
 ===== 5. Abschließende Bemerkungen ====== ===== 5. Abschließende Bemerkungen ======
selberleben/volltext_wasistschoen.1543598278.txt.gz · Zuletzt geändert: 2018/11/30 18:17 von jge