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selberleben:philobar_20060304 [2020/05/24 17:56]
jge
selberleben:philobar_20060304 [2020/05/24 18:04] (aktuell)
jge [Vogl: Bruno ist kein Zeitreisender]
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 Aus der Tatsache, dass etwas gedruckt wurde, folgt nicht, dass es ein sinnvolles Werk ist (nach heutiger Erkenntnis). Auch wenn der Druck teuer war. Es lassen sich viele andere Gründe für den Druck denken. Z.B. könnte sich der Verleger einen Gewinn erwartet haben. (Gutenbergs Bibel etwa war für damalige Verhältnisse ein immens teures Werk in der Investition,​ aber dachte eben, dass es sich rechnen würde.) Oder diejenigen, die die Druckkosten übernommen haben, haben das Werk für sinnvoll gehalten. Man denke nur an die so zahlreichen Bücher zu Magie und Zauberei. Zwar scheint auch schon früher keiner der Zaubersprüche funktioniert zu haben; trotzdem wurden solche Bücher gedruckt. Aus der Tatsache, dass etwas gedruckt wurde, folgt nicht, dass es ein sinnvolles Werk ist (nach heutiger Erkenntnis). Auch wenn der Druck teuer war. Es lassen sich viele andere Gründe für den Druck denken. Z.B. könnte sich der Verleger einen Gewinn erwartet haben. (Gutenbergs Bibel etwa war für damalige Verhältnisse ein immens teures Werk in der Investition,​ aber dachte eben, dass es sich rechnen würde.) Oder diejenigen, die die Druckkosten übernommen haben, haben das Werk für sinnvoll gehalten. Man denke nur an die so zahlreichen Bücher zu Magie und Zauberei. Zwar scheint auch schon früher keiner der Zaubersprüche funktioniert zu haben; trotzdem wurden solche Bücher gedruckt.
  
-==== BIOLOGIE UND ALCHEMIE ​– DAS FRAGWÜRDIGE ARGUMENT AUS DEM VERGLEICH ​====+==== Biologie und Alchemie ​– das fragwürdige Argument aus dem Vergleich ​====
  
 Natürlich kann und darf man zwei Konzepte, ein altes und ein neues, nebeneinanderstellen und finden, dass sie ähnlich sind. Aber es gibt dabei zwei kritische Punkte. Erstens: Wurden die Konzepte richtig dargestellt?​ Zweitens: Was sagt diese Ähnlichkeit – wenn sie denn vorhanden ist – dann aus? Natürlich kann und darf man zwei Konzepte, ein altes und ein neues, nebeneinanderstellen und finden, dass sie ähnlich sind. Aber es gibt dabei zwei kritische Punkte. Erstens: Wurden die Konzepte richtig dargestellt?​ Zweitens: Was sagt diese Ähnlichkeit – wenn sie denn vorhanden ist – dann aus?
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 Ad erstens: Aber ich bin auch im Zweifel, ob Benzin den Vergleich zwischen Zelle und „Monas“ richtig zieht: Ad erstens: Aber ich bin auch im Zweifel, ob Benzin den Vergleich zwischen Zelle und „Monas“ richtig zieht:
  
-    a) So würde ein Biologe ganz sicher nicht eine Zelle als „Zeichen“ bezeichnen. Eine „Grundeinheit“ und ein „Einheitszeichen“ sind (grund)verschiedenen Dinge. Ein Beispiel: Ein Ziegelstein könnte als die „Grundeinheit“ eines bestimmten Typs von Bauwerk aufgefasst werden. Aber er ist kein „Einheitszeichen“ für dieses Bauwerk oder für Bauwerke überhaupt. +  - So würde ein Biologe ganz sicher nicht eine Zelle als „Zeichen“ bezeichnen. Eine „Grundeinheit“ und ein „Einheitszeichen“ sind (grund)verschiedenen Dinge. Ein Beispiel: Ein Ziegelstein könnte als die „Grundeinheit“ eines bestimmten Typs von Bauwerk aufgefasst werden. Aber er ist kein „Einheitszeichen“ für dieses Bauwerk oder für Bauwerke überhaupt. 
-    ​b) ​Die Feststellung,​ dass „Biologen“,​ ja sogar Nobelpreisträger „davon ausgehen“,​ dass die „Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist“, ist im fraglichen Zusammenhang ziemlich nichtssagend. Ich gehe auch davon aus. Ich gehe auch davon aus, dass die Struktur von Wasser im ganzen Universum identisch ist. Das hat mit der Bedeutung des Wortes „Wasser“ zu tun; analog: „DNS“ bezeichnet einfach eine bestimmte chemische Struktur. Ich vermute, dass Benzin meint, Biologen gingen davon aus, dass die Struktur der Weitergabe von Erbinformation im ganzen Universum ähnlich ist („identisch“ ist ein zu starkes Wort). Aber das glaube ich nicht: ich glaube nicht, dass Biologen das denken, und ich glaube nicht, dass es sich so verhält. Sicher sind leicht andere Wege denkbar, Erbinformation weiterzugeben. +  ​- ​Die Feststellung,​ dass „Biologen“,​ ja sogar Nobelpreisträger „davon ausgehen“,​ dass die „Struktur der DNS im ganzen Universum identisch ist“, ist im fraglichen Zusammenhang ziemlich nichtssagend. Ich gehe auch davon aus. Ich gehe auch davon aus, dass die Struktur von Wasser im ganzen Universum identisch ist. Das hat mit der Bedeutung des Wortes „Wasser“ zu tun; analog: „DNS“ bezeichnet einfach eine bestimmte chemische Struktur. Ich vermute, dass Benzin meint, Biologen gingen davon aus, dass die Struktur der Weitergabe von Erbinformation im ganzen Universum ähnlich ist („identisch“ ist ein zu starkes Wort). Aber das glaube ich nicht: ich glaube nicht, dass Biologen das denken, und ich glaube nicht, dass es sich so verhält. Sicher sind leicht andere Wege denkbar, Erbinformation weiterzugeben. 
-    ​c) ​Benzin schreibt von einer Urzelle am Beginn der Schöpfung, mit dem universellen Code der DNS, aus der alle Lebewesen hervorgegangen seien, die Zelle „stellt so den Speicher dar, auf dem sich die ganze biologische Vielfalt des späteren Universums verdichtet“. Das ist etwa so, als würde man sagen, dass das Alphabet den „Speicher“ „darstellt“,​ in dem sich die ganze Vielfalt der Literatur des Universums „verdichtet“. Wer das für eine sinnvolle Feststellung hält, der wird auch mit Benzins Formulierung zufrieden sein, ich bin es nicht. +  ​- ​Benzin schreibt von einer Urzelle am Beginn der Schöpfung, mit dem universellen Code der DNS, aus der alle Lebewesen hervorgegangen seien, die Zelle „stellt so den Speicher dar, auf dem sich die ganze biologische Vielfalt des späteren Universums verdichtet“. Das ist etwa so, als würde man sagen, dass das Alphabet den „Speicher“ „darstellt“,​ in dem sich die ganze Vielfalt der Literatur des Universums „verdichtet“. Wer das für eine sinnvolle Feststellung hält, der wird auch mit Benzins Formulierung zufrieden sein, ich bin es nicht. 
-    ​d) ​Zellen mutieren, und Alchimisten führen Transmutationen durch. Ich kenne den Begriff der „Transmutation“ im alchimistischen Sinne nicht, aber es kommt mir trotzdem schräg vor, das auf Zellen anzuwenden. Zellmutationen sind statistisch beschreibbar,​ alchimistische Transmutationen auch? Das sind zwei verschiedene Theorie-Rahmen (s.o.), die sich nicht ohne Verbiegungen aufeinander abbilden lassen.+  ​- ​Zellen mutieren, und Alchimisten führen Transmutationen durch. Ich kenne den Begriff der „Transmutation“ im alchimistischen Sinne nicht, aber es kommt mir trotzdem schräg vor, das auf Zellen anzuwenden. Zellmutationen sind statistisch beschreibbar,​ alchimistische Transmutationen auch? Das sind zwei verschiedene Theorie-Rahmen (s.o.), die sich nicht ohne Verbiegungen aufeinander abbilden lassen.
  
  
-Benzins textkritische Argumentation+===== Benzins textkritische Argumentation ​=====
  
 Natürlich schreibt Benzin noch mehr. Ich möchte noch auf eine für mich bezeichnende Stelle eingehen. Auf S. 69 kommt er auf das Wort „Golem“ zu sprechen. Adam werde in der Bibel als solcher bezeichnet, das Wort komme in der Bibel nur an einer einzigen Stelle vor, und zwar in Psalm 139,16: Natürlich schreibt Benzin noch mehr. Ich möchte noch auf eine für mich bezeichnende Stelle eingehen. Auf S. 69 kommt er auf das Wort „Golem“ zu sprechen. Adam werde in der Bibel als solcher bezeichnet, das Wort komme in der Bibel nur an einer einzigen Stelle vor, und zwar in Psalm 139,16:
  
-    ​Nimmt man eine der gängigen Bibel-Ausgaben zur Hand und schlägt die angegebene Stelle nach, so muss man zu dem Schluss kommen, dass hier von der All-Sichtigkeit und All-Gegenwärtigkeit Gottes die Rede zu sein scheint. Das wird dann übertitelt mit Worten wie „mein Schöpfer kennt mich durch und durch“. Aber die einzelnen Übersetzungen sind recht unterschiedlich. Ja gibt es denn nicht nur eine verbindliche Text-Überlieferung,​ wird man vielleicht fragen? Nein, zumindest nicht außerhalb des hebräischen Urtextes. Unsere Bibel-Übersetzer sind ja in der Regel Theologen der einzelnen Konfessionen. Und da heißt Übersetzung auch gleich theologische Interpretation –- ganz nach dem jeweiligen Glaubensverständnis. Diese Art der Textausdeutung führt natürlich zu schwerwiegenden Verfälschungen der eigentlichen Aussagen.+//Nimmt man eine der gängigen Bibel-Ausgaben zur Hand und schlägt die angegebene Stelle nach, so muss man zu dem Schluss kommen, dass hier von der All-Sichtigkeit und All-Gegenwärtigkeit Gottes die Rede zu sein scheint. Das wird dann übertitelt mit Worten wie „mein Schöpfer kennt mich durch und durch“. Aber die einzelnen Übersetzungen sind recht unterschiedlich. Ja gibt es denn nicht nur eine verbindliche Text-Überlieferung,​ wird man vielleicht fragen? Nein, zumindest nicht außerhalb des hebräischen Urtextes. Unsere Bibel-Übersetzer sind ja in der Regel Theologen der einzelnen Konfessionen. Und da heißt Übersetzung auch gleich theologische Interpretation –- ganz nach dem jeweiligen Glaubensverständnis. Diese Art der Textausdeutung führt natürlich zu schwerwiegenden Verfälschungen der eigentlichen Aussagen.//
  
 Dann zitiert Benzin Zürcher Bibel, Gute Nachricht, Luther-Bibel,​ Elberfelder Bibel. Benzin kommentiert. Ich gehe auf diesen Kommentar nicht im einzelnen ein, sondern nur zu der entscheidenden Stelle. Benzin zitiert die Elberfelder Übersetzung mit den Worten „Meinen Keim (eigentl.: Knäuel, ungeformte Masse) sahen deine Augen, und in dein Buch waren (oder: wurden) sie (d.h. die Gebeine) alle eingeschrieben.“ Benzin dazu weiter (S. 73): Dann zitiert Benzin Zürcher Bibel, Gute Nachricht, Luther-Bibel,​ Elberfelder Bibel. Benzin kommentiert. Ich gehe auf diesen Kommentar nicht im einzelnen ein, sondern nur zu der entscheidenden Stelle. Benzin zitiert die Elberfelder Übersetzung mit den Worten „Meinen Keim (eigentl.: Knäuel, ungeformte Masse) sahen deine Augen, und in dein Buch waren (oder: wurden) sie (d.h. die Gebeine) alle eingeschrieben.“ Benzin dazu weiter (S. 73):
  
-    ​Sollten wir hier nicht an eine Keimzelle denken? Aber die Elberfelder Übersetzer geben auch die eigentliche Übersetzung des Wortes Golem mit „Knäuel“ oder „ungeformte Masse“ an. Hebräische Wörter können durchaus mehrere Bedeutungen haben, polysemantisch sein. Und schlägt man ein modernes Biologie-Lehrbuch auf, so trifft das Wort „Golem“ mit seinen Übersetzungen „Keim“, „Knäuel“ und „ungeformte Masse“ genau die genetischen Tatsachen.+//Sollten wir hier nicht an eine Keimzelle denken? Aber die Elberfelder Übersetzer geben auch die eigentliche Übersetzung des Wortes Golem mit „Knäuel“ oder „ungeformte Masse“ an. Hebräische Wörter können durchaus mehrere Bedeutungen haben, polysemantisch sein. Und schlägt man ein modernes Biologie-Lehrbuch auf, so trifft das Wort „Golem“ mit seinen Übersetzungen „Keim“, „Knäuel“ und „ungeformte Masse“ genau die genetischen Tatsachen.//
  
 Nämlich: es gibt Keimzellen in der Biologie; unterm Mikroskop sehen Chromosomen wie Knäuel aus. Tja, würden Sie davon sagen, dass das „genau die genetischen Tatsachen“ trifft? Nämlich: es gibt Keimzellen in der Biologie; unterm Mikroskop sehen Chromosomen wie Knäuel aus. Tja, würden Sie davon sagen, dass das „genau die genetischen Tatsachen“ trifft?
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-HEBRÄISCHER URTEXT UND ÜBERSETZUNG+==== Hebräischer Urtext und Übersetzung ==== 
  
 Benzin kritisiert die Übersetzungen;​ sie seien theologisch überformt. Er übersieht dabei mehreres: Benzin kritisiert die Übersetzungen;​ sie seien theologisch überformt. Er übersieht dabei mehreres:
  
-    ​Es gibt keinen hebräischen „Urtext“. Die hebräischen Fassungen des alten Testaments, die uns überliefert sind, stammen aus dem frühen bis hohen Mittelalter. Ältere Textfragmente sind durch die Funde in Qumran und am toten Meer überliefert,​ die bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Die älteste hebräische Überlieferung des gesamten Textes (das heißt hier: mit Psalmen), die wir heute haben, stammt aber aus dem Jahr 1009, der Kodex Petropolitanus. Angesichts der Tatsache, dass die Entstehungszeit der Texte auf weit vor Christus angesetzt wird, ist das ein gehöriger Abstand, und es ist mehr als naiv anzunehmen, dass die Texte seitdem keine weiteren Änderungen erfahren haben. Es ist zudem falsch, dass alle erhaltenen hebräischen Texte des alten Testaments buchstabengenau den gleichen Text enthielten. Man hat darum heute, bei der Frage, was ursprünglich im Text gestanden haben könnte, mehrere Überlieferungstraditionen zu berücksichtigen. Die lateinischen und griechischen Übersetzungen,​ die wir heute von Texten des alten Testaments haben (griechisch z.B. auch aus Qumran), sind zudem älter und beruhen auf älteren, heute verlorenen hebräischen Vorlagen. Man muss also abwägen und vergleichen:​ Verschiedene hebräische,​ jüngere Textfassungen,​ ältere lateinische und griechische Textfassungen,​ die aber eben Übersetzungen sind. Interpretationsfehler entstehen nicht nur beim Übersetzen,​ sondern auch beim Abschreiben,​ denn jemand, der abschreibt, hält sich bei etwas, dass er schlecht lesen kann oder nicht genau liest, an das, was ihm vertraut ist. (Dies kann man in jeder Einleitung in das Alte Testament nachlesen.) +  - Es gibt keinen hebräischen „Urtext“. Die hebräischen Fassungen des alten Testaments, die uns überliefert sind, stammen aus dem frühen bis hohen Mittelalter. Ältere Textfragmente sind durch die Funde in Qumran und am toten Meer überliefert,​ die bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Die älteste hebräische Überlieferung des gesamten Textes (das heißt hier: mit Psalmen), die wir heute haben, stammt aber aus dem Jahr 1009, der Kodex Petropolitanus. Angesichts der Tatsache, dass die Entstehungszeit der Texte auf weit vor Christus angesetzt wird, ist das ein gehöriger Abstand, und es ist mehr als naiv anzunehmen, dass die Texte seitdem keine weiteren Änderungen erfahren haben. Es ist zudem falsch, dass alle erhaltenen hebräischen Texte des alten Testaments buchstabengenau den gleichen Text enthielten. Man hat darum heute, bei der Frage, was ursprünglich im Text gestanden haben könnte, mehrere Überlieferungstraditionen zu berücksichtigen. Die lateinischen und griechischen Übersetzungen,​ die wir heute von Texten des alten Testaments haben (griechisch z.B. auch aus Qumran), sind zudem älter und beruhen auf älteren, heute verlorenen hebräischen Vorlagen. Man muss also abwägen und vergleichen:​ Verschiedene hebräische,​ jüngere Textfassungen,​ ältere lateinische und griechische Textfassungen,​ die aber eben Übersetzungen sind. Interpretationsfehler entstehen nicht nur beim Übersetzen,​ sondern auch beim Abschreiben,​ denn jemand, der abschreibt, hält sich bei etwas, dass er schlecht lesen kann oder nicht genau liest, an das, was ihm vertraut ist. (Dies kann man in jeder Einleitung in das Alte Testament nachlesen.) 
-    Lustig finde ich den Vorwurf der „theologischen Interpretation“ der Übersetzung im Vergleich zum „Urtext“. Denn natürlich beruht die Überlieferung – die immer religiös war – auch jüdischerseits auf „theologischer Interpretation“,​ das gilt ebenso für den Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Texte wie für die Überlieferungsgeschichte. Theologische Interessen sind von vornherein mit im Spiel, nicht erst bei Luther und heutigen Übersetzern. +  ​- ​Lustig finde ich den Vorwurf der „theologischen Interpretation“ der Übersetzung im Vergleich zum „Urtext“. Denn natürlich beruht die Überlieferung – die immer religiös war – auch jüdischerseits auf „theologischer Interpretation“,​ das gilt ebenso für den Entstehungs- und Bearbeitungsprozess der Texte wie für die Überlieferungsgeschichte. Theologische Interessen sind von vornherein mit im Spiel, nicht erst bei Luther und heutigen Übersetzern. 
-    Benzin vergleicht vier deutsche Übersetzungen. Warum benutzt er nicht einen der guten textkritischen Kommentare, den die Theologen gleich welcher Konfession inzwischen hervorgebracht haben? Die Bibelübersetzungen sind für den Leser, die Kommentare sind für den Wissenschaftler. Viele Kommentare enthalten eigene Übersetzungen,​ die wörtlicher und auch grammatisch genauer sind als die Bibelübersetzungen für den Alltag. Und sie legen Rechenschaft darüber ab, warum diese oder jene Übersetzung gewählt wurde. Textkritische Überlegungen auf der Basis der deutschen Übersetzungen sind, gelinde gesagt, unzureichend. +  ​- ​Benzin vergleicht vier deutsche Übersetzungen. Warum benutzt er nicht einen der guten textkritischen Kommentare, den die Theologen gleich welcher Konfession inzwischen hervorgebracht haben? Die Bibelübersetzungen sind für den Leser, die Kommentare sind für den Wissenschaftler. Viele Kommentare enthalten eigene Übersetzungen,​ die wörtlicher und auch grammatisch genauer sind als die Bibelübersetzungen für den Alltag. Und sie legen Rechenschaft darüber ab, warum diese oder jene Übersetzung gewählt wurde. Textkritische Überlegungen auf der Basis der deutschen Übersetzungen sind, gelinde gesagt, unzureichend. 
-    Hätte Benzin in einen Kommentar gesehen, dann hätte er festgestellt,​ dass Vers 16 der in der Forschung umstrittenste Vers des ganzen Psalms ist (was den Text angeht). Die Konjekturen (d.h. die Vermutungen,​ was dort gestanden haben könnte) übersteigen bei weitem die Varianten (d.h. die tatsächlich und voneinander abweichend vorliegenden Formulierungen in verschiedenen Überlieferungsträgern). Das Wort, das Benzin mit „Golem“ oder „Knäuel“ oder wie auch immer übersetzen möchte, kommt im Alten Testament, wie Benzin richtig bemerkt, an keiner anderen Stelle vor, es ist sonst vor allem aus der talmudischen Literatur bekannt. Weil das Wort im alten Testament an keiner anderen Stelle vorkommt, ist seine Bedeutung auch für den Fachmann (der ich nicht bin) schwer zu entscheiden. Natürlich kann die spätere Überlieferung darüber Aufschluss geben, wie es vielleicht gemeint gewesen war. Aber das heißt nicht, dass diese Interpretation dann sicher das ist, was sich die Verfasser des Textes ursprünglich dabei gedacht haben, und zwar aus mindestens zwei Gründen. 1. Der spätere Gebrauch des Wortes (und später meint hier eine Differenz von 1000 Jahren) kann sich gewandelt haben, 2. die uns überlieferten späteren Verwendungen könnten abgeleitet und metaphorisch sein. (Wenn man sich an das hält, was der historischen Vorstellungswelt im AT entspricht, und an die im Umkreis des Wortes im Psalm verwendete Bildwelt, dann ist eine Übersetzung wie „Embryo“ einigermaßen plausibel.)+  ​- ​Hätte Benzin in einen Kommentar gesehen, dann hätte er festgestellt,​ dass Vers 16 der in der Forschung umstrittenste Vers des ganzen Psalms ist (was den Text angeht). Die Konjekturen (d.h. die Vermutungen,​ was dort gestanden haben könnte) übersteigen bei weitem die Varianten (d.h. die tatsächlich und voneinander abweichend vorliegenden Formulierungen in verschiedenen Überlieferungsträgern). Das Wort, das Benzin mit „Golem“ oder „Knäuel“ oder wie auch immer übersetzen möchte, kommt im Alten Testament, wie Benzin richtig bemerkt, an keiner anderen Stelle vor, es ist sonst vor allem aus der talmudischen Literatur bekannt. Weil das Wort im alten Testament an keiner anderen Stelle vorkommt, ist seine Bedeutung auch für den Fachmann (der ich nicht bin) schwer zu entscheiden. Natürlich kann die spätere Überlieferung darüber Aufschluss geben, wie es vielleicht gemeint gewesen war. Aber das heißt nicht, dass diese Interpretation dann sicher das ist, was sich die Verfasser des Textes ursprünglich dabei gedacht haben, und zwar aus mindestens zwei Gründen. 1. Der spätere Gebrauch des Wortes (und später meint hier eine Differenz von 1000 Jahren) kann sich gewandelt haben, 2. die uns überlieferten späteren Verwendungen könnten abgeleitet und metaphorisch sein. (Wenn man sich an das hält, was der historischen Vorstellungswelt im AT entspricht, und an die im Umkreis des Wortes im Psalm verwendete Bildwelt, dann ist eine Übersetzung wie „Embryo“ einigermaßen plausibel.)
  
-Abschließendes+===== Abschließendes ​=====
  
 Herr Vogl findet, in seinem Kommentar, dass die Forscher zu Bruno „aus dem Bereich der universitären Philosophie der Lösung des Rätsels bereits“ nah „gekommen sind, aber im Ansatz stecken bleiben mussten“, und führt dazu eine Bemerkung von Elisabeth von Samsonow an (die auch die Übersetzung von De Monade... im Meiner-Verlag besorgt hat). Samsonow schreibt in ihrem Werk über „Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“,​ zitiert Vogl nach Benzin, dass es in den drei Frankfurter Schriften Brunos „um eine Art elementare Geometrie, eine Art geometrischer Embryologie,​ die die Organisationsformen der Materie herleitbar machen soll“, gehe. Vogl fragt: „Benzin spricht von Zellbiologie und die Philosophen von geometrischer Embryologie. Wo [...] liegt da der Unterschied?​“ Herr Vogl findet, in seinem Kommentar, dass die Forscher zu Bruno „aus dem Bereich der universitären Philosophie der Lösung des Rätsels bereits“ nah „gekommen sind, aber im Ansatz stecken bleiben mussten“, und führt dazu eine Bemerkung von Elisabeth von Samsonow an (die auch die Übersetzung von De Monade... im Meiner-Verlag besorgt hat). Samsonow schreibt in ihrem Werk über „Bruno und die okkulte Philosophie der Renaissance“,​ zitiert Vogl nach Benzin, dass es in den drei Frankfurter Schriften Brunos „um eine Art elementare Geometrie, eine Art geometrischer Embryologie,​ die die Organisationsformen der Materie herleitbar machen soll“, gehe. Vogl fragt: „Benzin spricht von Zellbiologie und die Philosophen von geometrischer Embryologie. Wo [...] liegt da der Unterschied?​“
  
 +==== "Eine Art geometrische Embryologie"​ vs. "​Zellbiologie"​ ====
  
-"EINE ART GEOMETRISCHE EMBRYOLOGIE"​ VS. "​ZELLBIOLOGIE"​ 
  
 Mir scheint der Unterschied ganz offensichtlich und eigentlich keiner Erläuterung bedürftig. Samsonow deutet mit ihrer Einleitungsformulierung „eine Art ...“ an, dass es sich in ihren Ausdrücken um Annäherungen handelt. Das ist etwas anderes, als zu schreiben, Bruno treibe Embryologie. Und Samsonow wählt Formulierungen,​ die auf Konzepten beruhen, die Bruno verfügbar waren. Was Embryos sind, wusste man schon längst. Die Geometrie zählt zu den seit der Antike gepflegten Künsten. Die verknüpfende Formulierung Samsonows „geometrische Embryologie“ ist darum historisch adäquat und zeigt zugleich, in welcher Weise Bruno Bekanntes zu Neuem zu verbinden sucht in seiner Überblendung verschiedener Wissensbereiche. Die Behauptung, Bruno betreibe „Zellbiologie“,​ tut dies nicht. Mir scheint der Unterschied ganz offensichtlich und eigentlich keiner Erläuterung bedürftig. Samsonow deutet mit ihrer Einleitungsformulierung „eine Art ...“ an, dass es sich in ihren Ausdrücken um Annäherungen handelt. Das ist etwas anderes, als zu schreiben, Bruno treibe Embryologie. Und Samsonow wählt Formulierungen,​ die auf Konzepten beruhen, die Bruno verfügbar waren. Was Embryos sind, wusste man schon längst. Die Geometrie zählt zu den seit der Antike gepflegten Künsten. Die verknüpfende Formulierung Samsonows „geometrische Embryologie“ ist darum historisch adäquat und zeigt zugleich, in welcher Weise Bruno Bekanntes zu Neuem zu verbinden sucht in seiner Überblendung verschiedener Wissensbereiche. Die Behauptung, Bruno betreibe „Zellbiologie“,​ tut dies nicht.
  
-VOGLBRUNO IST KEIN ZEITREISENDER+==== VoglBruno ist kein Zeitreisender ====
  
 Nun noch ein paar unsachliche,​ weil persönliche Worte. Werter Herr Vogl, es liegt mir fern, Sie zu beleidigen. Meine Rede von der Zeitreise war ein Scherz: eine satirische Überspitzung. Ich erkläre hiermit, dass Sie, nach meiner bescheidenen Kenntnis, an keiner Stelle diese These vertreten, und auch Benzin nicht. Während die Idee von der Zeitreise immerhin eine – wenn auch fragwürdige – Theorie darüber wäre, wie Bruno nach ihrer Meinung zu „Wissen“ kommt, das er „gar nicht haben konnte“, weil es von dem seiner Zeit abweicht, bieten sie darüber allerdings gar keine Theorie an. Dass Sie und Benzin nahelegen, Bruno habe dieses „Wissen“ aus älteren Überlieferungen gehabt, erklärt nichts, denn es verschiebt das Problem zeitlich nur nach vorne. Nun noch ein paar unsachliche,​ weil persönliche Worte. Werter Herr Vogl, es liegt mir fern, Sie zu beleidigen. Meine Rede von der Zeitreise war ein Scherz: eine satirische Überspitzung. Ich erkläre hiermit, dass Sie, nach meiner bescheidenen Kenntnis, an keiner Stelle diese These vertreten, und auch Benzin nicht. Während die Idee von der Zeitreise immerhin eine – wenn auch fragwürdige – Theorie darüber wäre, wie Bruno nach ihrer Meinung zu „Wissen“ kommt, das er „gar nicht haben konnte“, weil es von dem seiner Zeit abweicht, bieten sie darüber allerdings gar keine Theorie an. Dass Sie und Benzin nahelegen, Bruno habe dieses „Wissen“ aus älteren Überlieferungen gehabt, erklärt nichts, denn es verschiebt das Problem zeitlich nur nach vorne.
  
-GROSSE DENKER AUF DEN SCHEITERHAUFEN?+==== Große Denker auf den Scheiterhaufen====
  
 Dass Sie den „Disput lieben“, finde ich gut. Ich merke davon aber nichts. Sie tun nach Kräften das, was sie mir vorwerfen, nämlich ad hominem zu argumentieren,​ nicht ad rem. Das sei ihnen erlaubt, schließlich habe ich mir mit Ihnen auch einen Scherz erlaubt. Nur möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie in Ihrer Darstellung Ihre Opferrolle übertreiben. Wenn Sie gleich einleitend in ihren Kommentar feststellen,​ dass „schon Bruno“ sich mit Menschen herumschlagen musste, „die gegen seine Meinung waren und ständig unsachliche und argumentationslose Schmähschriften gegen diesen großen Denker verfassten. Als die nicht mehr fruchteten, wurde er gefoltert, inhaftiert und schließlich verbrannt.“ Sie stellen ganz richtig fest, dass man „uns nicht mehr verbrennen kann“, aber das verdeckt kaum die Implikation in ihrer Feststellung,​ dass man Sie trotzdem verbrennen wollte, wenn man könnte. Das ist lächerlich. Sie mögen sich verfolgt fühlen und nicht anerkannt von der akademischen Philosophie,​ das weiß ich nicht und kann es aus der Vehemenz Ihrer Antwort nur erahnen. All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihre Situation der von Bruno überhaupt nicht ähnlich ist. Niemand bedroht Sie, niemand möchte Sie zwingen, ihre Meinung zu ändern, niemand möchte Sie zwingen zu schweigen. (Lustig finde ich, dass Sie nebenbei, durch dieselbe Analogisierung,​ sich und Benzin zu ‘großen Denkern’ erklären.) Dass Sie den „Disput lieben“, finde ich gut. Ich merke davon aber nichts. Sie tun nach Kräften das, was sie mir vorwerfen, nämlich ad hominem zu argumentieren,​ nicht ad rem. Das sei ihnen erlaubt, schließlich habe ich mir mit Ihnen auch einen Scherz erlaubt. Nur möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie in Ihrer Darstellung Ihre Opferrolle übertreiben. Wenn Sie gleich einleitend in ihren Kommentar feststellen,​ dass „schon Bruno“ sich mit Menschen herumschlagen musste, „die gegen seine Meinung waren und ständig unsachliche und argumentationslose Schmähschriften gegen diesen großen Denker verfassten. Als die nicht mehr fruchteten, wurde er gefoltert, inhaftiert und schließlich verbrannt.“ Sie stellen ganz richtig fest, dass man „uns nicht mehr verbrennen kann“, aber das verdeckt kaum die Implikation in ihrer Feststellung,​ dass man Sie trotzdem verbrennen wollte, wenn man könnte. Das ist lächerlich. Sie mögen sich verfolgt fühlen und nicht anerkannt von der akademischen Philosophie,​ das weiß ich nicht und kann es aus der Vehemenz Ihrer Antwort nur erahnen. All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass ihre Situation der von Bruno überhaupt nicht ähnlich ist. Niemand bedroht Sie, niemand möchte Sie zwingen, ihre Meinung zu ändern, niemand möchte Sie zwingen zu schweigen. (Lustig finde ich, dass Sie nebenbei, durch dieselbe Analogisierung,​ sich und Benzin zu ‘großen Denkern’ erklären.)
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-BELEIDIGT?+==== Beleidigt====
  
 Ich gebe zu, dass die Formulierung „Besserwisser“-Verlag abwertend ist. Wenn Sie diese stört, dann nehme ich sie zurück. Der sachliche Gehalt bleibt der gleiche: Der Ancient Mail-Verlag behauptet auf seiner Webseite, dass er Bücher anbietet, die einem sagen, wie die Geschichte wirklich verlaufen ist, und er behauptet implizit, dass Archäologen und Historiker „uns“ über den Lauf der Geschichte betrügen wollten. Für mich sind das Thesen, die der detaillierten Begründung bedürften. Können Sie dieser Darstellung zustimmen, oder ist das für Sie immer noch beleidigend?​ Ich gebe zu, dass die Formulierung „Besserwisser“-Verlag abwertend ist. Wenn Sie diese stört, dann nehme ich sie zurück. Der sachliche Gehalt bleibt der gleiche: Der Ancient Mail-Verlag behauptet auf seiner Webseite, dass er Bücher anbietet, die einem sagen, wie die Geschichte wirklich verlaufen ist, und er behauptet implizit, dass Archäologen und Historiker „uns“ über den Lauf der Geschichte betrügen wollten. Für mich sind das Thesen, die der detaillierten Begründung bedürften. Können Sie dieser Darstellung zustimmen, oder ist das für Sie immer noch beleidigend?​
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