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gedankenexperimente:theorie_wortgeschichte

Zur Geschichte des Wortes »Gedankenexperiment«

Seit wann gibt es das Wort »Gedankenexperiment« oder seine anderssprachlichen Äquivalente? Wer hat ihn verwendet?

Das Wort »Gedankenexperiment« ist eigentümlich deutsch, wie ein jüngerer Aufsatztitel wie »The Gedankenexperiment method of ethics« (M. W. Jackson, 1992) zeigt. »Thought experiment« ist eine spätere Übersetzung.

1. Ørsted 1809, 1811

Gemeinhin gilt der dänische Naturwissenschaftler Hans Christian Ørsted als Erfinder des Wortes »Gedankenexperiment«. Kühne (2005, 108) meint, die erste Nennung sei das Einleitungskapitel seines 1809 veröffentlichten Physiklehrbuchs Videnskaben om Naturens almindelige Love (Kopenhagen: Brummer, 1809), das dann 1811 separat in Kopenhagen bei Johan Frederik Schultz erschienen: Første Indledning til den almindelige Naturlære, et Indbydelsesskrivt til Forelæsninger over denne Videnskab.1)

In der Indledning taucht das Wort »Tankeexperiment« in §16, S. 22 auf; an gleicher Stelle heißt es auch »Tankeforsøg« (Gedankenversuch). Die Indledning ist eine »Darstellung des Wesens der Physik« als »Programm meiner Vorlesungen«, das »seitdem öfters ohne durchgreifende Veränderungen im Dänischen gedruckt worden« sei und dessen deutsche Übersetzung, »mit einem neuen Paragraphen vermehrt«, in »Gehlens Journal für Chemie und Physik, 36. Band 1822« erschienen sei.2) So erläutert eine Vorbemerkung beim Wiederabdruck unter dem Titel Ueber Geist und Studium der allgemeinen Naturlehre in Ørsteds »Der Geist in der Natur. 2. Naturwissenschaft und Geistesbildung«. Deutsche Originalausgabe des Verfassers. München: Cotta, 1851, S. 430-474. Dort heißt die entsprechende Textstelle — gleiche Übersetzung wie beim deutschen Erstdruck 1822 — (S. 462-463):

»Wenn wir in unserer Vorstellung einen Punkt sich bewegen lassen, um eine Linie zu beschreiben, oder eine Linie sich um ihren einen Endepunkt bewegen lassen, um mit dem andern einen Kreis zu beschreiben, was ist das anders als ein Gedankenexperiment? Die Differential- und Integralrechnung besteht durchaus nur in solchen Gedankenversuchen und Betrachtungen darüber. Wo diese Art des Verfahrens stattfinden kann, und das kann sie weit häufiger, als man glauben sollte, ist sie vorzüglich geeignet das Streben eines lebendigen und kräftigen Geistes nach Einsicht zu befriedigen; denn durch andere Arten der Darstellung erfährt man im Allgemeinen mehr, warum man überzeugt seyn muß, daß dieses oder jenes so ist, als warum es wirklich so ist. Hier sehen wir jede Wahrheit in ihrer Entstehung. Der Grund ihres Daseyns und unserer Gewißheit fallen daher zusammen; so, daß wenn er auf diese Weise dargestellt ist, er zugleich schon bewiesen ist.«3)

Kühnes Hinweis auf die frühere Erwähnung ist teilweise richtig: Zwar erscheint das Wort auch in Ørsteds Videnskaben von 1809, allerdings erkenne ich, der ich kein Dänisch kann, in dessen Einleitung nicht denselben Text wie die Indledning 4). Das Wort »Tankeexperiment« erscheint nicht nicht in theoretischem Zusammenhang, sondern dient zur Beschreibung eines Szenarios (§ 49, S. 66):

»Vi formaae ikke, at kjende nogen absolut Bevœgelse, som saadan. Vi kunne let gjøre os dette beskueligt, ved et Tankeexperiment. Man forestille sig, at en Kugle udskydes af en Kanon, i Retningen fra Osten til Vesten. Imidlertid dreier sig Jorden, som Astronomien lcerer, i den modsatte Retning. Har man nu givet Kuglen, og dette er muligt, en Hastighed saa stor, som den hvorved Jorden omdreier sig, saa er det klart, at Kuglen, med Hensyn paa det Rum, som omgiver Jorden, hverken var kommet frem eller tilbage, men var blevet i Hvile, dersom Jorden ikke havde andre Bevœgelser end sin Omdreining; men da Jorden ogsaa har en Bevœgelse omkring Solen, saa deeltager Kuglen ikke mindre i denne, og i Følge heraf, maatte man tillœgge den en absolut Bevœgelse, dersom ikke atter hele Solsystemet havde en Bevœgelse, hvis Retning og Hastighed vi ikke nøie kjende. Men om vi end kjendte denne, saa maatte den dog ligeledes foregaae i et materielt Rum, hvilket selv atter var bevœgeligt, og saaledes i det Uendelige. Vi vide altsaa ikke, hvilken absolut Bevœgelse der kunne tilkomme Kuglen.«

Im auf diesen folgenden Paragraphen nimmt Ørsted dann mit dem Wort »Tankeforsøg« auf das zitierte Szenario Bezug. Das Wort »Tankeexperiment« begegnet dann auch noch auf der Seite 72 (§ 54), dort ebenfalls im Zusammenhang mit einem konkreten Szenario.

Möglicherweise taucht das Wort auch in Ørsteds berühmten »Ansicht der chemischen Naturgesetze, durch die neueren Entdeckungen gewonnen«, Berlin: Realschulbuchhandlung, 1812, auf — die deutschsprachige Ausgabe ist die Erstausgabe —; dann wäre dort die früheste deutschsprachige Erwähnung zu finden. Das Werk ist bislang (Ende 2018) nicht digitalisiert und ich konnte es nicht einsehen. Doch in einer ausführlichen Besprechung desselben in der Wiener allgemeinen Literaturzeitung 1813, No. 50 vom 22. Juni, Sp. 793-800, sowie No. 51, Sp. 807-816, wird das Wort verwendet (Sp. 795), und zwar in der Besprechung des Abschnitts S. 13-75 »Wie die unorganischen Körper nach ihrer chemischen Natur zu ordnen sind«:

»Durch ein Gedanken-Experiment, in welchem die gewöhnliche Temperatur unserer Atmosphäre um 200 Wärmemaße (16000 Grad R.) herabgesetzt wird, zeigt sich die größte Ähnlichkeit des Hydrogenoxyds (des Wassers) mit den Oxyden anderer Metalle, vorzüglich mit den Erden.«

Ørsted präsentiert in seinen Werken einige weitere Szenarien als »Gedankenexperimente«. So sucht er beispielsweise zu beweisen, dass »das Erkenntnißvermögen im ganzen Weltall wesentlich eins sei«:

»Um nicht im Streben nach dem Allgemeinen die Klarheit der Anschauung zu verlieren, wollen wir unsere Aufmerksamkeit zunächst auf einen bestimmten fremden Weltkörper hinwenden, und es wird sich bald zeigen, daß sich die hier wahrnehmbaren einzelnen Züge mit Leichtigkeit unter ein allgemein Erkanntes zusammenfassen lassen. Wir wollen das Gedankenexperiment machen, uns auf den Planeten Jupiter hin zu versetzen. Wir werden dort Abwechselungen von Tagen und Nächten bemerken, werden verschiedene Jahreszeiten erleben wie auf unserem Erdball, nur mit anderen Zeitlängen und mit andern Größenverhältnissen. Alle diese Abwechselungen entstehen dort wie hier aus der Achsendrehung des Weltkörpers und aus seiner Bahnbewegung um die Sonne; beide Bewegungen aber werden dort nach denselben einfachen Gesetzen hervorgebracht, welche wir auf der Erde entdeckt und auf das Weltall angewandt haben. Gleicherweise werden wir dort Monde sehen, die sich nach eben den Gesetzen bewegen als der unsrige, und so werden wir dort alle jene Erscheinungen unter denselben Verstandsbegriffen zusammenfassen können, unter denen wir sie hier umfassen. Setzen wir nun an unsere Stelle ein anderes, von uns übrigens auch noch so verschiedenes Wesen, welches nur darin mit uns übereinstimmt, daß es die Natur mit Bewußtseyn auffaßt. Ein solches Wesen würde vielleicht die Eindrücke, welche die Naturerscheinungen auf uns machten, in anderer Form und Weise empfangen; insofern es aber die Gesetzmäßigkeit derselben einsähe, müßte auch sein Erkenntnißvermögen mit den Naturgesetzen übereinstimmen und mithin auch mit unserem Denkvermögen. Wäre sein Erkennen mit den Naturgesetzen nicht in Uebereinstimmung, dann wäre es kein vernünftiges, wahres, sondern ein unvernünftiges, falsches ; eine Vorstellung, die sich mit dem Begriff des Erkennens eben so wenig verträgt, als der des Sehens mit dem der Blindheit und die wir deßhalb schon auf den ersten Blick verwerfen müssen …« (S. 226-227)

Dieses Szenario findet sich in seinem Werk Der Geist in der Natur von 1850, in dem das Wort Gedankenexperiment mehrfach (S. 36, S. 210-11), vorkommt, und ist wiederabgedruckt z.B. in der Freimaurer-Zeitung No. 34 vom August 1851, S. 271.

Literatur zu Ørsteds Begriffverwendung

  • Witt-Hansen 1976: Witt-Hansen, Johannes: H. C. Örsted, Immanuel Kant, and the Thought Experiment. Danish Yearbook of Philosophy 13 (1976), 48-65.
  • Kühne 1997: Kühne, Ulrich: Gedankenexperiment und Erklärung. In: Bremer Philosophica 5 (1997), 1-51.
  • Kühne 2005: Kühne, Ulrich: Die Methode des Gedankenexperiments. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.
  • Cohnitz 2008 A: Cohnitz, Daniel: Ørsteds „Gedankenexperiment“: eine Kantianische Fundierung der Infinitesimalrechnung? Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte von ‚Gedankenexperiment‘ und zur Mathematikgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts. In: Kant-Studien 99 (2008), 4, 407-433. Online unter: https://philpapers.org/rec/COHRGE

2. Chalybäus 1839

Obwohl die deutschsprachigen Wörterbücher des 19. Jahrhunderts keinen Eintrag zum „Gedankenexperiment“ zeigen, gibt es durchaus weitere Fundstellen. Eine seltsame Fundstelle ist Heinrich Moritz Chalybäus’ Historische Entwicklung der spekulativen Philosophie von Kant bis Hegel, das 1837 in erster Auflage erschien. Das Werk erschien als Ausarbeitung einer Vorlesung, die für »wissbegierige Verehrer der Wissenschaft«, also philosophische Laien, im Winter 1835/36 gehalten worden war. In vierzehn jeweils rund zweistündigen Vorlesungen stellt Chalybäus die philosophische Entwicklung dar. Die zweite, „verbesserte und vermehrte“ Auflage erschien bereits 1839, diesmal in siebzehn Vorlesungen. In dieser überarbeiteten Fassung heißt es in der Fünften Vorlesung (S. 82ff), als Chalybäus Herbarts »Konstruktion des intelligiblen Raumes« erklärt und auf Kant bezieht. Der leere Raum sei

»nichts an sich; er ist oder bedeutet bloß das Verhältniß, in welchem die Realen unter sich vorgestellt werden. Daß dem so sei, geht aus dem einfachsten Gedankenexperiment herovr: Stelle ich mir eine einzige Monas für sich vor, so kann ich gar keinen Ort bestimmen, wo sie ist; sie ist an gar keinem Orte, sie ist, könnte man sagen, überall, wohin man sie nur versetzen mag, und sit doch nirgendwo an einer bestimmten Stelle. Einen Ort erlangt sie erst dadurch, sie kommt dadurch gleichsam erst zum Feststehen, daß ich mir einen zweiten Punct denke, von dem sie in bestimmter Distanz sein soll. Ich versetze also beide Puncte in eine gemeinschaftliche Raumvorstellung, denke sie mir durch einen Raum verknüpft.« (S. 102)

In der gleichen Auflage schreibt Chalybäus an späterer Stelle zur Erläuterung der »speculativen Philosophie«:

»Speculation im engsten Sinne wird also dieses schaffence Construiren oder experimentirende Schaffen in Gedanken selbst sein, woran der menschliche Geist zunächst seine eigenen Gesetze abnimmt; da er sich aber im Mittelpunkte des allgemeinen Naturbewußtseins befindet, oder eben das Bewußtsein selbst ist, zu welchem die allgemeine Naturthätigkeit kommt, so erkennt er zugleich mit seinem Wesen auch alles Wesen und Gesetz des allgemeinen Natur- oder Weltgeistes überhaupt; denn alles Reale ist leben durch und durch, alles Leben ist Anschauen, und die intellectuelle Anschauung erkennt in der Anschauung, also unmittelbar in sich selbst, das Wirkliche.« (S. 212, Neunte Vorlesung über Schelling)

Wie aussagekräftig auch immer diese Passagen sind — wie über Ørsted wird man feststellen müssen, dass von Gedankenexperiment im modernen Sinn nicht die Rede sein kann —, so ist doch die Wortverwendung bemerkenswert, zumal sie in den weiteren Auflagen erhalten bleibt. Die erste Passage findet sich in der 3. »theilweise umgearbeiteten« Auflage von 1843 auf S. 125; in der 4. »durchgängig revidirten und vermehrten« Auflage von 1848 auf S. 123, in der 5. »durchgängig revidirten und theilweise umgearbeiteten« Auflage von 1860 auf Seite 104. Es ist nicht erkennbar, dass Chalybäus Ørsted gelesen hat; möglicherweise hat er also das Wort selbst neu gebildet.

3. von Fichte 1841

In zeitlicher Nachbarschaft findet sich das Wort auch bei einem anderen Philosophen, nämlich bei Immanuel Hermann von Fichte in seiner umfangreichen Charakteristik der neueren Philosophie, zur Vermittlung…. In der zweiten Auflage von 1841 wird Schelling zitiert, und zwar aus der Abhandlung »Über den wahren Begriff der Naturphilosophie …« (1801):

»Ob jene Produkte die in der Erfahrung vorkommenden sind, oder nicht, kümmert mich vorerst nicht; ich sehe bloß auf die Selbstkosntruktion des Subjekt-Objekts. Entstehen durch dieselben Produkte und Potenzen der ideellen Thätigkeit, wie sie in der Natur aufgezeigt werden können, so sehe ich freilich, daß mein Geschäft eigentlich ein Deduciren der Natur, d.h. Naturophilosophie war; — obgleich Ihr mir, nachdem ich für mich das Experiment angestellt habe, gestatten werden, meine Philosophie im Voraus als Naturphilosophie anzukündigen.« (S. 775-776)

Das »Experiment« der Schellingschen gedanklichen Konstruktionen erfährt seine Rechtfertigung, erläutert Fichte, durch die »nachherige Vergleichung der in seinen Konstruktionen aufgewiesenen Potenzen mit den in der wirklichen Erfahrung gegebenen natürlichen« und den Aufweis der

»zu verhoffenden Übereinstimmung jener mit diesen …. dies nachträgliche Faktum … ist der wahre und einzige Beweis für die Realität der Konstruktion, mithin für den spekulativen Charakter des ganzen Beginnens, welches, sobald sich jene Übereinstimmung nicht fände, nach Schellings eigenem Geständnisse, nur für ein leer subjektives, bedeutungsloses Gedankenexperiment gehalten werden müsste.« (S. 776-777)

In diesem Zusammenhang ist die Vorstellung des Experimentierens durch Schellings eigene Wortwahl vorgegeben; das Gedankliche des Experimentierens besteht in genuin philosophischer Tätigkeit. Die Auseinandersetzung mit Schelling findet sich in der ersten Auflage von Fichtes Werk noch nicht, die 1829 erschien (und nur den halben Umfang hatte), entsprechend auch nicht das Wort »Gedankenexperiment«.

4. Dircking-Holmfeld 1839

Etwa zur gleichen Zeit liest man das Wort allerdings auch in ähnlicher Weise, wie man es heute umgangssprachlich gebraucht findet, in einer politikwissenschaftlichen Abhandlung, und zwar im Journal für rationelle Politik, das bis 1838 Politisches Journal hieß. Offenbar hat den Band 1839 der in Bocholt geborene »Dänische Amtmann und Kammerjunker« (so heißt es auf dem Titelblatt) Konstantin Dirckinck-Holmfeld im Alleingang verfasst. Das Wort »Gedankenexperiment« verwendet er zweimal, zuerst in einer Abhandlung über »Dänemarks politische Stellung«. Darin geht es um einen aktuellen Artikel einer dänischen Zeitung, die sich mit der Frage beschäftigte, ob, wenn Russland und Schweden eine Allianz eingegangen sein sollten, Dänemark danach streben sollte, dieser beizutreten. Dirckinck-Holmfeld sieht Dänemark „dem großen westlichen Culturgebiete“ zugehörig (S. 157) und meint, dass dies auch der öffentlichen meinung entspreche:

»Niemand bei uns, weder Regierung noch Regierte, werden einen Augenblick in Zweifel seyn, wo unser rechter Platz ist, wenn die Umstände es unmöglich machen, die Neutralität zu bewahren, welche allerdings mit des Königs und Volkes Wünschen am meisten stimmt und unsern Kräften und Interessen am angemessensten ist. Uebrigens ist es wohl überflüssig zu bemerken, dass eine friedliche Lösung der grossen Zeitfragen sowohl die wünschenswertheste als die wahrscheinlichste ist und dass wir die Erörterung daher mehr wie ein Gedankenexperiment betrachten, wie eine Form, unter welcher man sich Dännemarks politischen Standpunkt deutlich macht ….« (157-158).

Im gleichen Jahrgang schreibt er, angeregt von einem Leserbrief, einige Bemerkungen über »Dännemarks Zukunft«:

»Dännemarks Zukunft. Unter diesem Titel ist uns ein kleiner Aufsatz zugestellt, welcher sich mit der Frage beschäftigt: „ob es für Dännemark politisch räthlich sey russische oder englische Partei im Fall eines Conflicts zu ergreifen?“ und diese Frage dahin entscheidet und es zu begründen sucht, dass die russische Allianz vorzuziehen sey.« (S. 275) … »Wir abstrahiren von der Unwahrscheinlichkeit des ganzen Conflicts, der, wenn isolirt eintretend, schwerlich in diesen Regionen ausgefochten werden wird, und betrachten auch die Erörterung als ein Gedankenexperiment, durch welches man sich das eine und das andere klarer machen will.« (S. 281)

In beiden Fällen verwendet Dirckinck-Holmfeld das Wort also durchaus im heutigen umgangssprachlichen Sinne, um zu betonen, dass es um die Erläuterung kontrafaktischer Situationen geht.

5. Wörterbücher und Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts

Enttäuschend ist ein Blick in die Wörterbücher und Lexika des 19. Jahrhunderts. Im Deutschen Wörterbuch (DWB) der Brüder Grimm ist nicht einmal das Wort »Experiment« verzeichnet, geschweige denn »Gedankenexperiment«.5) Das Wort »Experiment« erscheint immerhin bereits in der zweiten Auflage von Johann Christoph Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, dessen erster Band A-E 1793 erschien,6) und kommt bei Goethe laut Goethe-Wörterbuch etwa 320mal vor. Noch früher sind wir mit Zedlers Großem vollständigen Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Band 8 (1734) enthält das Lemma »Experimentum. Versuch«.

In die andere Richtung wird man lange nicht fündig. Brockhaus Konversations-Lexikon (14. Auflage 1891-1995) und Meyers Großes Konversations-Lexicon (6. Auflage 1902-1908) nehmen Machs Prägung erstmal nicht auf.

1)
Digitalisat der Königlichen Bibliothek Kopenhagen: http://www.kb.dk/e-mat/dod/130021572481_bw.pdf.
2)
Dieser erste Druck 1822 ist online: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/6626612/ft/bsb10073860?page=488. Die Zeitschrift heißt allerdings inzwischen Schweiggers Journal für Chemie und Physik.
3)
Ähnlich auch in: Der allgemeinen Naturlehre Geist und Wesen, Kap. VII. des Werks »Neue Beiträge zum Geist in der Natur« (Cassel: Ernst Balde, 1854; nach der zweiten dänischen Original-Ausgabe), S. 254.
4)
Auch dieser Text ist von der Königlichen Bibliothek digitalisiert: http://www.kb.dk/e-mat/dod/130004856733.pdf.
5)
Der Band 4 Forschel bis Gefolgsmann erschien 1878.
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