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Lieblingslektüren

Mark Z. Danielewski! Sein House of leaves scheint mir das interessanteste Prosa-Experiment seit längerem. Offenbar gab es gerade eine deutsche Übersetzung bei Klett-Cotta; der Verlag hat dem Buch eine Blogseite spendiert.
Wer hätte gedacht, dass sich der Gruselroman so weiterentwickeln kann! Seit Radcliffe und Poe scheint da bis zu King und Konsorten nicht so viel passiert zu sein, die sich darauf beschränkten, im Sprachstil ihrer Zeit erzählende Sätze aneinanderzureihen. Danielewski beherrscht souverän das Spiel mit der Fiktion des Dokuments und macht aus seinem Buch ein Fest des Materials und des Kommentars.

Neal Stephenson! Eine Buchbesprechung des ersten Bandes der Barock-Trilogie in der Tageszeitung machte mich neugierig: es klang ein bisschen nach historischer und actionorientierter Räuberpistole. Stephensons Porträt einer aufstrebenden Epoche (die Bücher handeln eher vom Ende des Barock und dem Beginn der Aufklärung) ist aber, bei aller Räuberpistolenhaftigkeit, eine geschliffene und geistreiche, sprachmächtige Erzählung. Danach nahm ich mir das Cryptonomicon vor (das Stephenson vorher geschrieben hatte) und war auch davon angetan. Wenn Stephenson z.B. den japanischen Angriff auf Pearl Harbor aus der Perspektive eines brillanten Mathematikers beschreibt, den die Army ins Musik-Corps gesteckt hat, weil er den Eignungstest nicht bestand, ist das zugleich präzise und komisch.
Inzwischen ist Anathem erschienen: Fängt als Science-Fiction-Version von Der Name der Rose an, für die man eine Weile zum Einlesen braucht. Entwickelt sich aber mit der Zeit zur parallelweltumspannenden Kriegermönch-Saga: Herrlich.
Während ich Diamond Age relativ langweilig fand, ist meine jüngste Entdeckung Snow Crash. Da ist alles drin, was Stephenson ausmacht; nur dass er es mit dem Erzählen noch eiliger hat als später.

Richard Powers! Manchmal muss man nur in die Unibibliothek gehen, um gute Romane zu finden. Dort lag als Neuanschaffung Powers' Galatea 2.2 aus. Obwohl das klarerweise ein Roman über eine Idee ist, nämlich die, wie Sprache und Bewusstsein zusammenhängen, sind doch die Charaktere als Personen interessant und eigenständig genug, um den Leser mitfühlen zu lassen.
Danach las ich die schon vom Titel her ansprechenden Gold bug variations (Intertextualität! Bachs Goldberg-Variationen, Poes Golden Bug). Weil Powers hier lange erläuternde Kapitel einschieben muss, die Genetik und Bachs Musik erklären, hat das Buch Längen; ist aber trotzdem eine anrührende Liebesgeschichte über zwei Generationen.
Mit Powers' Three farmers on their way to a dance konnte ich nicht so viel anfangen. Operation Wandering Soul gehört zum Kompliziertesten, was ich bisher auf Englisch gelesen habe, insbesondere in der Verwendung der medizinischen Sprache. Plowing the dark ist stark konstruiert in der Gegenüberstellung der beiden Geschichten: der Entführte allein mit seiner Vorstellungskraft; die Programmierer, die beginnen, Virtuelle Welten zu entwerfen. The time of our singing scheint mir Powers bestes Buch zu sein; eine generationenumgreifende schwarz-weiß-jüdische amerikanische Familiengeschichte, zugleich eine Hymne auf die Musik. Das jüngste Buch, The Echo Maker, über Bewusstsein und Person, ließ mich kalt; die handelnden Figuren sind nur Papier und lassen kein Mitgefühl aufkommen.

Jan Kjaerstad! Die erste Begegnung geschah mit dem damals in schönster Aufmachung in der Anderen Bibliothek erschienenen Rand. Ähnlich wie sein Homo falsus oder Der perfekte Mord ist das eine Art metaphysischer Krimi für Semiotiker, über die, mit Douglas Adams' holistischem Detektiv Dirk Gently zu sprechen, 'Interconnectedness of all things': auch der erzählten mit der Erzählebene. Jüngeren Datums ist die Wergeland-Trilogie, in der Kjaerstad das Leben eines Menschen aus drei Perspektiven erzählen lässt: und entsprechend drei verschiedene Biographien schreibt.
Schade, dass es nicht mehr auf deutsch gibt. Immerhin ist hier (pdf, Schreibheft 68, März 2007) ein übersetzter Essay Kjaerstads über sein Konzept einer literarischen Figur zu lesen.