Speer am Rand der Welt

1. Szenario

Ist die Welt endlich? Man stelle sich vor, jemand stünde an ihrem Rand. Dann könnte er einen Speer über ihn hinauswerfen: Also wäre die Welt doch ohne Rand.
Oder der Speer geriete an ein Hindernis: so ein Hindernis ist aber nicht denkbar ohne etwas, was dahinter ist und das Hindernis begrenzt. Also ginge es dahinter weiter. Also muss die Welt unendlich sein.

2. Quelle

Lukrez: De rerum natura I, 968-973.
Offenbar lässt sich das Gedankenexperiment in simplerer Form bis zu Archytas von Tarent (4. Jh. v. Chr.) zurückverfolgen (so Pulte 2007, 44, Fn., der auf Grant 1981, 106f und 322, Anm. 10 sowie Poser 1984, 184 verweist).

3. Anmerkung

Der Beweis war in seiner Zeit unwiderleglich, weil eine dritte Möglichkeit erst viel später denkbar war. Wie könnte die aussehen? Z.B.: die Bewegung des Speeres könnte kontinuierlich abnehmen, je näher er der Grenze kommt, so dass er an ihr zur Ruhe kommt. "Die implizite Annahme, dass dies nicht der Fall ist, lässt sich ohne neue Erfahrung über die Bewegung von Körpern an der 'Grenze' des Weltalls ebenso wenig aufrechterhalten wie die Argumentation insgesamt" (Pulte 2007, 45).
Andere Möglichkeit: der Raum ist gekrümmt, die Flugbahn des Speeres damit zwar unendlich: das beweist aber nicht die Unbegrenztheit des Raums.


Lukrez (95-55 v. Chr.)
Ontologie und Metaphysik
Klassisches Gedankenexperiment

Geändert am:
11. Januar 2007

Browsen nach:

Philosophen. Mehr

Disziplinen. Mehr

Englischen Namen. Mehr

"Klassischen", historischen Gedankenexperimenten. Mehr

Zeitgenössischen Gedankenexperimenten. Mehr

Außerdem:

Theorie. Mehr