Molyneux' Problem

1. Szenario

John Locke gibt das folgende Gedankenexperiment wieder: zum erstenmal in der zweiten Auflage seines Essay concerning human understanding (London, 1694): Suppose a man born blind, and now adult, and taught by his touch to distinguish between a cube and a sphere of the same metal, and nighly of the same bigness, so as to tell, when he felt one and t'other, which is the cube, which the sphere. Suppose then the cube and sphere placed on a table, and the blind man to be made to see; queare, wheter by his sight, before he touched them, he could now distinguish and tell which is the globe, which the cube?
Die Antwort: Not. For tho' he has obtained the experience of how a globe, how a cube affects his touch; yet he has not yet attained the experience, that what affects his touch so or so, must affect his sight so or so; or that a protuberant angle in cube, that pressed his hand unequally, shall appear to his eye as it does in the cube.

2. Quelle

John LockeEssay concerning human understanding, 2. Aufl. London 1694.

3. Kommentar

Problem und erste Antwort stammen von William Molyneux, dem Gründer der Dublin Philosophical Society. Das Problem heißt daher in der Literatur "Molineux's Problem", und es gibt eine umfangreiche Monographie von Marjolie Degenhaar dazu (siehe Bibliographie).

Schon damals haben kluge Leute eingewandt, dass eine Kugel dem Blinden den Eindruck von "Gleichheit von allen Seiten" vermitteln könnte -- ein Eindruck, der sich durch Tasten wie durch Sehen, möglicherweise, erkennen ließe.

Das Gedankenexperiment habe ich im 5. Kapitel von David Bermans Buch Berkeley and Irish philosophy gefunden, das seine Aufsätze von 1968-1996 sammelt (London, New York : Continuum, 2005).
Berman skizziert die Rezeptionsgeschichte des Gedankenexperiments ein bisschen weiter, auch hin zu Berkeley. Der meinte, dass der sehend gemachte Blinde vermutlich nicht einmal verstehen würde, was man von ihm wollte, also mit der Frage nichts anfangen könnte. Demgegenüber war Hutcheson der Ansicht, dass Sicht und Gefühl die 'gleiche Idee' betreffen und daher durchaus die Ähnlichkeit zwischen Seheindruck und Tasteindruck erkennen lassen. Wie Leibniz war Hutcheson nämlich besorgt, dass die These, der Sehend gewordene könne die beiden Körper nicht unterscheiden, bedeuten würde, er wäre unfähig, Geometrie zu lernen. Das galt beiden als unannehmbar. Warum die Geometrie hier ins Spiel kommt? Für Leibniz wie für Hutcheson war die Grundlage, dass Eindrücke verschiedener Sinne die gleiche Idee betreffen können. Berman entfaltet schön, wie das alles zusammenhängt.

Manche Gedankenexperimente können nicht empirisch nachvollzogen werden -- hier wäre ich doch zu neugierig, ob Berkeley oder Hutcheson recht haben. Offenbar gab es im 19. Jahrhundert einen Fall, der von einigen als empirischer Beleg betrachtet wurde.

Ich neige zu der Ansicht, dass der Sehend gewordene das Sehen und die Interpretation von Eindrücken erst lernen müsste. Das heißt, er müsste wohl erst einmal erkennen lernen (in der Hutchesonschen Terminologie), dass genau dieser Seheindruck wirklich mit der Idee der Regelmäßigkeit verknüpft ist.

Locke, John (1632-1704)
Erkenntnistheorie
Klassisches Gedankenexperiment

Geändert am:
11. Mai 2007

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