Körpertausch und Folter

1. Szenario

Man stelle sich zwei Personen A und B vor. In einem Experiment sollen die Erinnerungen und Persönlichkeit von A in das Hirn von B und die Erinnerungen und Persönlichkeit von B in das Hirn von A kopiert werden, so dass man sagen könnte, sie hätten ihre Körper getauscht. Vor dem Experiment werden A und B damit bekannt gemacht, dass danach einer der beiden 100.000 $ erhalten soll, während der andere gefoltert wird. Sie werden gefragt, welcher von beiden das sein solle. A würde wohl sagen, dass die B-Körper-Person das Geld bekommen solle (weil er hofft, dann den B-Körper zu 'bewohnen').

Nun stelle man sich eine andere Beschreibung desselben Geschehens vor: Ich bin in der Gewalt eines anderen. Der sagt mir, dass ich morgen gefoltert werde. Das macht mir Angst. Er fügt hinzu, dass, wenn die Zeit kommt, ich mich nicht daran erinnern werde, dass mir dies angekündigt wurde, weil kurz vor der Folter mir etwas angetan wird, was mich die Ankündigung vergessen lässt: das wird mich auch nicht aufheitern. Er sagt dann, dass mein Vergessen der Ankündigung Teil eines größeren Prozesses ist, infolgedessen ich mich an gar nichts mehr erinnern werde, woran ich jetzt mich erinnere. Das wird mich auch nicht aufheitern. Er sagt dann, dass man mir ein völlig anderes Set von Erinnerungen verpassen wird. Das heitert mich auch nicht auf. Schließlich sagt er mir, dass es die Erinnerungen einer anderen Person sind: auch das kann mich nicht aufheitern.

2. Quelle

Bernard Williams: The self and the future. Philosophical review 79 (1970) 2, 161-180.
Auch in ders., Problems of the self.
Deutsch in: ders., Probleme des Selbst. Stuttgart, Reclam, 1978, 78-104.

3. Anmerkung

Das Experiment soll zeigen, dass die Schlussfolgerungen wesentlich von der Art und Weise abhängen, wie ein Szenario entwickelt wird. In der ersten Version neigt der Hörer dazu, einen Körpertausch anzunehmen. In der zweiten wird dasselbe so beschrieben, dass es keinen Tausch gibt, sondern dass alles derselben Person widerfährt. Dass dies möglich ist, zeigt, dass die erste Variante dem Leser ein bestimmtes Konzept von Person nahelegt, die zweite ein anderes. Das Szenario selbst gibt keine Auskunft darüber, welches angemessen ist, jede Hälfte verführt aber dazu, ein bestimmtes Konzept für plausibel zu halten.

Williams, Bernard (1929-2003)
Philosophie der Person
Zeitgenössisches Gedankenexperiment

Geändert am:
3. Januar 2007

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