Fehlender Blauton

1. Szenario

"Suppose ... a person to have enjoyed his sight for thirty years, and to have become perfectly acquainted with colors of all kinds except one particular shade of blue, for instance, which it never has been his fortune to meet with. Let al the different shades of that color, except that single one, be placed before him, descending gradually from the deepest to the lightest; it is plain that he will perceive a blank, where that shade is wanting, and will be sensible that there is a greater distance in that place between the contiguous colors that in any other. Now I ask, wheter it be possible for him, from hisown imagination, to supply this deficiency, and raise up to himself the idea of that particular shade, though it had never been conveyed to him by his senses?"

"Angenommen nun, ein Mensch habe sichdreißig Jahre langseines Augenlichtes erfreut und sei völlig vertraut geworden mit Farben aller Art außer z.B. einer bestimmten Abstufung des Blau, die ihm zufällig niemals begegnet ist. Man lasse ihm alle verschiedenen Abstufungen dieser Farbe, außer der einen, vorlegen, allmählich absteigend von der dunkelsten bis zur hellsten, so wird er offenbar dort eine Lücke bemerken, wo diese Farbstufe fehlt, und empfinden, dass an jener Stelle ein größerer Unterschied zwischen den benachbarten Farben ist als an irgendeiner anderen Stelle. Ich frage nun, ob es ihm mittels seiner eigenen Einbildungskraft möglich sein wird, dieses Fehlende zu ergänzen und sich die Vorstellung dieser besonderen Farbstufe zu erzeugen, obgleich sie ihm niemals durch seine Sinne zugetragen worden war?"

2. Quelle

David Hume, An enquiry concerning human understanding (EA 1748), Sect. 2.
Deutsch als: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Übers. u. hg. von Herbert Herring.- Verb. Aufl.- Stuttgart : Reclam, 1982.

3. Anmerkung

Hume fährt fort, er glaube, dass nur wenige sagen würden, der Mensch könne nicht aus dem Kopf die Vorstellung der fehlenden Farbnuance ergänzen, und das möge als Beleg dafür dienen, dass die einfachen Vorstellungen nichtin jedem Fallvon den entsprechenden "impressions", d.h.Sinnesdaten, abgeleitet werden.

Ich frage mich, ob diese Stelle belegt, dass Hume sich die Farbskala diskret dachte. Denn nur dann kann es ja eine echte Frage sein, ob jemand, der die Vorstellung nicht hat, das Fehlen eines Farbtons bemerkt. Wäre die Farbtafel, von welcher der Proband wählen soll, in Farbübergängen gemalt, so wäre sie an der Stelle des fehlenden Tons bzw. Tonraums mit einem Mal diskret, und das wäre natürlich zu merken; wenn nicht eine solch kontinuierliche Skala mit unendlich vielen Blautönen ausgestattet zu denken wäre, so dass das Fehlen eines bestimmten Tonsohnehin auffallen würde. In jedem Fall fragt sich, ob wir nicht aus unserer Kindergartenerfahrung, dass Farbabstufungen aus der Mischung verschiedener Farben in unterschiedlichem Maße entstehen, Farben ohnehin nicht als einfache 'Ideen' im Kopf haben, sondern als zusammengesetzte. Denn die Fähigkeit zur Neu-Zusammensetzungbereits vorhandener Ideen ist natürlich auch für Hume nichts besonderes.


Hume, David (1711-1776)
Philosophie des Geistes
Klassisches Gedankenexperiment

Geändert am:
2. Februar 2009

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