Fall zweier Körper (Galilei)

1. Szenario

"Ohne viel Versuche können wir durch eine kurze, bindende Schlussfolgerung nachweisen, wie unmöglich es sei, dass ein größeres Gewicht sich schneller bewege, als ein kleineres, wenn beide aus gleichem Stoff bestehen; und überhaupt alle jene Körper, von denen Aristoteles spricht. (...) Wenn wir zwei Körper haben, deren natürliche Geschwindigkeit verschieden sei, so ist es klar, dass wenn wir den langsameren mit dem geschwinderen vereinigen, dieser letztere von jenem verzögert werde müsste, und jener, der langsamere, müsste vom schnelleren beschleunigt werden. (...) Aber wenn dies richtig ist, und wenn es wahr wäre, dass ein großer Stein sich z.B. mit 8 Maß Geschwindigkeit bewegt, und ein ein kleinerer Stein mit 4 Maß, so würden beide vereinigt eine Geschwindigikeit von weniger als 8 Maß haben müssen; aber die beiden Steine zusammen sind doch größer als jener größere Stein war, der 8 Maß Geschwindigkeit hatte; mithin würde sich nun der größere langsamer bewegen, als der kleinere; was gegen Eure Voraussetzung wäre. Ihr seht also, wie aus der Annahme, ein größerer Körper habe eine größere Geschwindigkeit als ein kleinerer Körper, ich Euch weiter folgern lassen konnte, dass ein größerer Körper langsamer sich bewege als ein kleinerer."

2. Quelle

Galileo Galilei: Discorsi e dimostrazioni matematiche intorne a due nuove scienze attenenti ala mecanica & i movimenti locali. - Leiden, 1638.

Hier zitiert in der Übersetzung von Arthur von Oettingen, Leipzig 1890-1904.

3. Anmerkungen

Dies ist ein klassisches Gedankenexperiment, das in den allgemeinen Überlegungen zum Thema gerne angeführt wird (z.B. Brown 1991 u.a., Norton 1991 u.a., Sorensen 1992, McAllister 1996, Gendler 1998 u.a.). Dabei dient es vor allem Brown in seiner rationalistisch-platonischen Konzeption von Gedankenexperimenten als Beispiel für die These, dass Gedankenexperimente echten Erkenntnisgewinn erreichen können. Demgegenüber vertritt Norton, dass Gedankenexperimente argumentive Szenarien seien, die keine Erkenntnis ausgeben könnten, welche nicht schon in den Prämissen steckte. Beiden geht es dabei in erster Linie um Gedankenexperimente in der Naturwissenschaft. Dass für eine solche argumentative Indienstname das Szenario nicht recht taugt, zeigen Atkinson & Peijnenburg 2004, die deutlich machen, dass a) das Gedankenexperiment unvollständig ist in dem Sinne, dass das Szenario die Schlussfolgerung nur stützt mithilfe unausgesprochener weiterer empirischer Annahmen (und daher nicht betrachtet werden darf als Erkenntnisgewinn apriori), dass b) die philosophische Betrachtung des Experiments weitgehend von historischen Kenntnissen (über den sich vollziehenden Paradigmenwechsels weg von der Aristotelischen Konzeption der Fallgesetze) unbeleckt sei.

Kühne (2005, 33) hebt überdies hervor, dass es Galilei nicht darum ging zu zeigen, wie Körper tatsächlich fallen. Das sei zur Zeit der Abfassung Galilei längst bekannt gewesen, auch in der Quelle der Discorsi führe Galilei eine Menge echter Experimente an, die dies zeigten. Bekanntermaßen richtet sich das Gedankenexperiment gegen Aristoteles, dessen Theorie zum Fall falsch war, und zwar gegen Physica Delta 8 (216a13-21), wobei Kühne zeigt, dass die Galileische und ihm zeitgenössische Interpretation der entsprechenden Passage auf einem Missverständnis beruht.

Es gibt eine Reihe von Studien über den Ursprung der Galileischen Lehre, z.B. die von E. Moody im Journal of the history of ideas 12 (1951) "Galileo and Avempace", wo gezeigt wird, wie alt die Kritik an Aristoteles schon ist und welche Argumente dafür gebraucht werden.

Für mich ist noch die Frage interessant, ob Galileis Gedankenexperiment in Benedettis Überlegungen wurzelt oder ob das bloß Ähnlichkeiten sind. Dabei ist hinzuzufügen, dass Galileis eigene frühere Fassungen -- die Genese des Szenarios kann man gut bei Palmieri 2005 nachlesen -- nicht vom Fall zweier Körper durch die Luft handeln, sondern von zwei Körpern, die durch ein dichteres Medium sich bewegen: durch Wasser.

Galilei, Galileo (1564-1642)
Naturwissenschaft
Klassisches Gedankenexperiment

Geändert am:
15. Februar 2008

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